Ich zeige dir, wie ein Roadtrip zur Romance wird.

Holland als Reiseziel kennen viele – als Romance-Location ist es eher nicht so bekannt.

 

Auf der Suche nach dem Covermotiv. © Günter NeblAuf der Suche nach dem Covermotiv

Eine Romance als Roadtrip bietet sich bei mir an, denn mein Mann und ich sind gern mit dem Wohnmobil unterwegs. Da wir zumindest einige Tage autark sein können und von den Arbeitszeiten flexibel sind, können wir recht spontan fahren, bleiben und erforschen. Die Niederlande hat uns mein Cousin empfohlen, der an der deutsch-holländischen Grenze lebt und oft die Strände von Zeeland genießt.

Die Niederlande haben uns wirklich begeistert: als Land wegen der schönen Plätze in wundervoller Natur und wegen der Begegnungen mit vielen reizenden Menschen. In »Mehr Liebe als Löcher im Käse« reist du wirklich genau auf den Spuren unserer Recherche-Reise, ausgenommen den letzten Location-Wechsel. Denn während meine Heldin Charlie nach Nord-Holland zurückkehren darf, mussten wir leider nach Hause. Aber dafür bekommst du noch ein paar Orte zu sehen, die im Buch nicht vorkommen.

 

Zu »Mehr Liebe als Löcher im Käse«:

(Tropes: Enemies to Lovers · Road Trip · Second Chance · Forced Proximity / Trigger: Fehlgeburt · Endometriose)

Tulpenfelder, Windmühlen und weite Strände – Charlotte ist auf einem Roadtrip durch die Niederlande. Nervig ist dabei nur ein attraktiver Anhalter, der sich nicht loswerden lässt.

Sie hätte einfach weiterfahren sollen! Aber Charlie bremst, denn Sam war ihr größter Teenie-Traum – bis er ihn ruiniert hat. Jetzt steht der Karrieremensch im Regen mit einem Pappschild an einer Autobahnraststätte. Aus einer kurzen Aufwallung von Mitleid nimmt Charlie ihn mit … und wird ihn nicht mehr los. Hat er sich verändert? Oder sie?

Oder ist der, den man am wenigsten will, genau der Richtige?

 

Eigentlich widerstrebt es mir mittlerweile sehr, schöne Orte preiszugeben. Hast du die furchtbaren Bilder aus grandioser Natur wie bei den Drei Zinnen oder dem Eibsee gesehen, wenn Selfie-Junkies diese Orte stürmen und damit für alle Naturliebhaber und die Anwohner zerstören? Warum können die Leute diese Orte nicht einfach genießen oder die Selfies komplett mit der KI zu basteln? Die wird ja sonst auch überall verwendet, ob legal oder nicht! Dafür wäre sie viel sinnvoller, als damit Fake-Bücher zu erstellen, deren Inhalte geklaut wurden!

Aber die von mir genannten Orte haben nicht den Raum, um so viel Wahnsinnige aufzunehmen. Bitte, liebe Romance-Fans, behaltet sie für euch.

Los ging es wegen einer Garantie-Reparatur des Wohnmobils, das im Buch Wilma von »Will mal weg« heißt, in Richtung Wuppertal. (Ein guter Platz für Selfie-Junkies zum Beleben des Tourismus? 😉).

Auf dieser Strecke hat sich bei uns bereits der Naturcampingplatz Montabaur als festes Übernachtungsziel eingespielt. Dort steht man frei am Bach, wenn man möchte, und es gibt wunderschöne Wege durch das Biotop, in das der Besitzer viel Mühe und Liebe investiert.

 

In ursprünglicher Natur mit dem U-hu der Eule einschlafen und einem mehrstimmigen Zwitschern aufwachen. © Günter NeblIn ursprünglicher Natur mit dem U-hu der Eule einschlafen und einem mehrstimmigen Zwitschern aufwachen.Ich kann es nicht lassen. Mal schauen, wie es mit Ü60 mit dem Halt aussieht. © Günter NeblIch kann es nicht lassen. Mal schauen, wie es mit Ü60 mit dem Halt aussieht.

 

Nach der gelungenen Reparatur und einem Verwandtschaftsbesuch in der Nähe von Viersen reisten wir weiter. Der Grenzort Venlo, in den Charlie und Sam zum Einkaufen und Frühstücken fahren, kenne ich noch aus der Kindheit mit Ausflügen mit meinen Großeltern, die in Essen wohnten. Wir haben ihn diesmal nicht angefahren, weil noch viele Kilometer vor uns lagen.

Ab sofort folgten wir den immer wunderbaren Empfehlungen meines Cousins und seiner Frau – herzlichen Dank an Olaf und Jana für eure Gastfreundschaft, die tollen Tipps und den liebevollen Kontakt trotz der Entfernung.

Wir nächtigten zweimal im idyllischen Workum, wo wir das Kaatsen kennenlernten. An diesem Abend war die Hauptstraße im Ort gesperrt und Party angesagt. Die Einwohner verfolgten das Spiel vor ihren Häusern, ein Glas Wein in der Hand, oder in Gruppen vor den Restaurants und Pubs.

 

Wunderschönes Workum, einer meiner Lieblingsorte auf der Reise. © Günter NeblWunderschönes Workum, einer meiner Lieblingsorte auf der Reise.Hier kommt Sam im Buch erstmals zur Ruhe, uns ging es nicht anders. © Günter NeblHier kommt Sam im Buch erstmals zur Ruhe, uns ging es nicht anders.

 

Höhere Boote brauchen manchmal einen Brückenwärter, um ins Ijsselmeer zu kommen. © Günter NeblHöhere Boote brauchen manchmal einen Brückenwärter, um ins Ijsselmeer zu kommen.Kaatsen ist ein altes holländisches Handballspiel, das sicher nicht schmerzfrei abläuft. © Günter NeblKaatsen ist ein altes holländisches Handballspiel, das sicher nicht schmerzfrei abläuft.

 

Toll fand ich die vielen Grachten, schmale und auch breitere Wasserstraßen, für Boote, Schwimmer oder Entenfamilien. Wir beobachteten, wie der Brückenwärter Schiffe durchließ, während Fußgänger, Autofahrer und vor allem Radfahrer warten mussten. Hier erlebten wir bereits die ersten Kontakte mit den unglaublich freundlichen, entspannt wirkenden Niederländern. Beim Bezahlen unseres Platzes bekam ich die erste Einführung in die holländische Sprache – gar nicht so leicht, obwohl es dem Deutschen und Englischen eigentlich doch so nah ist. Apropos »gar nicht so leicht«: Der See heißt im Holländischen meer, dafür heißt unser Meer in den Niederlanden zee. 😉 Die Zuiderzee ist also das Südmeer.

Wir setzten uns auf Rad, um die umliegenden Orte und die schönen Wege dazwischen zu erkunden. Hindeloopen, wo Charlies Tante Liv lebt, hat uns begeistert. Es ist allerdings schon von Touristen entdeckt worden, daher war viel los.

Auf einem Damm entlangzuradeln, ist toll. Ab und zu öffnet und schließt man Gitter, die die Schafe auf einem bestimmten Teil des Damms halten. Der Blick in die Weite über das Ijsselmeer mit seinen unendlich vielen Windkraftanlagen ist beeindruckend.

 

Hindeloopen ist ein Ort mit vielen Traditionen. © Günter NeblHindeloopen ist ein Ort mit vielen Traditionen.Es gibt liebevoll dekorierte Gassen. © Günter NeblEs gibt liebevoll dekorierte Gassen.

 

 Ideenreiche Läden lassen den Besucher schmunzeln. © Günter NeblIdeenreiche Läden lassen den Besucher schmunzeln.Und überall grasen Schafe auf dem Damm vor dem Ijsselmeer. © Günter NeblUnd überall grasen Schafe auf dem Damm vor dem Ijsselmeer.

 

Das Rad ist natürlich DAS Fortbewegungsmittel in den Niederlanden, die meisten Straßen, Wege, Kreuzungen, Parkplätze und sogar Fähren sind darauf ausgerichtet.

Besonders krass sieht man das in Amsterdam oder auch auf dem Weg nach Texel.

Nach Workum machten wir uns nämlich über den großen Abschlussdeich auf nach Den Helder, dem Fährhafen, von dem aus die Fähren unter anderem nach Texel ablegen. Wir parkten unser WoMo in der Straße und radelten von dort aus direkt zur Fähre. Dabei reihten wir uns in die Reihe Hunderter anderer Biker ein, die wie auf kleinen Autobahnen über eigene Spuren in die Fahrradetage der Fähre fuhren.

Der Ausblick auf den Hafen ist ebenfalls grandios. Die Niederlande besitzen eine beeindruckende Marine mit sehr vielen unterschiedlichen Schiffstypen, die man von dem hohen Deck aus gut betrachten kann.

 

In einer langen Reihe fuhren wir auf das Rad-Deck der Fähre nach Texel. © Günter NeblIn einer langen Reihe fuhren wir auf das Rad-Deck der Fähre nach Texel. Blick auf die Marinebasis im Hafen von Den Helder mit Fregatten, Patrouillenbooten und Versorgungsschiffen, Minenjägern und U-Booten. © Günter NeblBlick auf die Marinebasis im Hafen von Den Helder mit Fregatten, Patrouillenbooten und Versorgungsschiffen, Minenjägern und U-Booten.

 

Die Straßen von Den Burg auf Texel sind mit vielen Blumen dekoriert. © Günter NeblDie Straßen von Den Burg auf Texel sind mit vielen Blumen dekoriert. Stände mit leckeren und hübschen Dingen gibt es am Markttag im Hauptort. © Günter NeblStände mit leckeren und hübschen Dingen gibt es am Markttag im Hauptort.

 

Auf der ganzen Insel sind die Straßen ebenfalls sehr Fahrrad-freundlich umgesetzt, die Hinweisschilder zeigen genau, wohin man wie lange unterwegs ist. Im hübschen Hauptort Den Burg, wo ich Charlies Onkel Luuk untergebracht habe, war gerade Markttag und wir bewunderten schöne Gassen und das bunte Angebot – so ganz anders als von Italien gewohnt.

Danach radelten wir auf flachen Wegen durch Dünen und Wälder, bis wir schließlich den Strand fanden, an dem sich Charlie und Sam küssen.

  

Wenig Autos, viele Räder heißt es auch an den Parkplätzen bei den verschiedenen Strandzugängen durch die Dünen. © Günter NeblWenig Autos, viele Räder heißt es auch an den Parkplätzen bei den verschiedenen Strandzugängen durch die Dünen. Krabben müssen schnell sein, wenn die Ebbe kommt. Möwen lauern überall. © Günter NeblKrabben müssen schnell sein, wenn die Ebbe kommt. Möwen lauern überall.

 

Ein Strand zum Verlieben auf Texel. © Günter NeblEin Strand zum Verlieben auf Texel.Nicht zu spät am Abend ging es zurück auf die Fähre und dann an die Stellplatzsuche nur etwa 20 Kilometer weiter. Doch das endgültige Ankommen in Nord-Holland war nicht so einfach, denn wir hatten nichts gebucht. Die ersten angefahrenen Plätze waren voll, dann erwischten wir etwas, was zur Vorlage für die Pension von Charlies Mila-Omi wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Ein schönes Plätzchen in Nordholland, wo wir einen Waschtag einlegten. © Günter NeblEin schönes Plätzchen in Nordholland, wo wir einen Waschtag einlegten. Mit Blick ins Grün macht Arbeiten Spaß. © Günter NeblMit Blick ins Grün macht Arbeiten Spaß. 

 

Auch der Strand gleich über die Küstenstraße hinüber ist ein Traum. Krabbenfischer, Strandreiter, Leuchttürme über Dünen – romantischer geht es kaum mehr. Wir beobachteten die vielen zutraulichen Wasservögel und was die Flut so anspülte: Krabben, ein paar Quallen, einen Seestern, den ich schnell zurück ins Wasser warf, in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät war. Nachts regnete es nach einem sehr heißen Tag, was guttat. Beim morgendlichen Ratsch mit den holländischen Nachbarn, die gerne mit Deutsch und Englisch zum Verständnis beitrugen, hüpfte eine Kröte fröhlich um meine Füße.

Zum Einkaufen radelten wir zwischen Bauernhöfen mit Pferden und Kühen hindurch in den nächsten Ort Callantsoog. Hier im Supermarkt habe ich den einzigen (wirklich!) gestressten und daher nicht sonderlich freundlichen Niederländer getroffen, der meine Frage einfach nicht verstehen wollte.

Wir blieben zwei Nächte und kamen auch endlich dazu, alle Fotos und Eindrücke zu verarbeiten. Wenn wir zu viele Kilometer und Besichtigungen machen, bin ich abends zu erschöpft, um noch viel zu arbeiten. Da wird auf Blöcke gekritzelt, oder ich nehme mit dem Handy auf, um meine Beobachtungen dann an ruhigen Tagen in die Datei zu übertragen. Für das Buch und diesen Reiseblog. 😉

 

Bei Abendstimmung am Strand über den Sand zu galoppieren, ist der Traum fast jeden Reiters. © Günter NeblBei Abendstimmung am Strand über den Sand zu galoppieren, ist der Traum fast jeden Reiters.Krabbenfischer bei der Arbeit, die immer hungrigen Möwen sind stets in der Nähe. © Günter NeblKrabbenfischer bei der Arbeit, die immer hungrigen Möwen sind stets in der Nähe.

 

Schließlich machten wir uns schweren Herzen auf nach Amsterdam und ließen die Strände und Dünen hinter uns. Zunächst mussten wir uns schlaumachen, wo wir mit unserem Euro-5-Norm-Diesel überhaupt straffrei fahren dürfen.

Wir hätten es sicher schlauer anstellen können und einen Park-and-Ride-Parkplatz finden, aber wir wollen mit den Rädern in die Stadt. Deshalb entschlossen wir uns zu dem teuersten Campingplatz auf dieser Reise (50 € für eine topp organisierte, aber etwas seelenlose Fläche). Das Duschwasser, für das man eine Münze braucht, lief ewig. Diesen Wasserverbrauch hätte ich daheim nicht für zwei Duschen inklusive Haarewaschen verwendet. Wasserverschwendung gehört zu den Dingen, die mich stressen, ebenso wie riesige Schnitzel, die dann nicht gegessen, sondern weggeworfen werden. Leute, da krieg ich Schnappatmung!

Das Plus des Campingplatzes: Nebenan gibt es einen Park mit Trainingsgelegenheiten, was mein Mann, dessen Sportübungen in den vergangenen Tagen zu kurz gekommen waren, erfreut nützte.

Wir machten uns noch am gleichen Tag auf die Socken in die Stadt, mit dem Rad eine unterhaltsame gute halbe Stunde. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr rasten andere Zweiradfahrer vor, neben und hinter uns her. Es war ein wenig beängstigend. Wir pausierten einen Moment an einer der größeren Grachten, wo Kinder begeistert ins Wasser sprangen, trotz der Boote in nicht allzu weiter Entfernung. Wie auch in Workum und Hindeloopen gibt es überall Privatstege und Leitern, wo man einfach ins kühle Nass hüpft.

Wir hätten noch lange stehen und den Menschen zuschauen können, die vorbeizischen – denn alle sind schneller als wir.

Junge Mamas mit Lastenrädern, in denen mindestens drei angegurtete Kinder saßen. Alternativ wurden sie in einem Sitz auf dem Lenker und einem Doppelsitz hinter dem Sattel transportiert. Büromenschen mit festgesteckten Anzughosenbeinen und Aktentasche auf dem Gepäckträger passierten uns, junge Mädels mit dürren Beinchen, die nebenbei telefonierten, und sportliche Studenten, die auf dem Weg in die Uni ihren Burger verspeisten – alles, ohne abzusteigen und oft auch, ohne zu lenken. Es wurde nebenbei gegessen, getrunken, Musik gehört, ins Handy geguckt, telefoniert und geraucht – übrigens war mir den ganzen Nachmittag latent schlecht wegen des durchdringenden Grasgeruchs an vielen Stellen in der Stadt.

Ein hochgewachsener Inder mit einem riesigen Turban war im Dienst eines Lieferservices unterwegs. Als er meinen Mann überholte, der mit seinen 1,83 winzig wirkte, bin ich vor Lachen fast vom Rad gefallen. Sorry, Fotos gibt es davon keine – es war einfach zu hektisch.

Wir verfuhren uns ein paar Mal, stritten natürlich auch über den richtigen Weg – denn ohne so einen Streit wären wir nicht in Urlaub – und entschieden uns dann – der eine widerwillig-grummelig, die andere genervt – für eine Grachtenrundfahrt.

Das Grummeln war bald vorbei, denn Ticket und Zeit lohnten sich auf jeden Fall.

Es war viel leiser als im tobenden Verkehr über uns, und ich konnte mich vom Großstadtstress erholen, während mein Mann zugeben musste, dass wir ohne diese Rundfahrt vieles nicht gesehen hätten. Wir starrten neugierig (wie alle) in die Fenster der Hausboote, die es in allen Formen, Farben, Größen und Alter gibt. Dann passierten wir das Schifffahrtsmuseum mit seiner Außenstelle in der Replik der „Amsterdam“, einem Schiff der Vereinigten Ostindien-Kompanie, vorbei sowie am riesigen Bahnhof für Züge, Busse und Boote.

 

Eine ruhige Gasse, wo die Räder mal stillstehen. Hier findet Charlie ihre Omi schließlich. © Günter NeblEine ruhige Gasse, wo die Räder mal stillstehen. Hier findet Charlie ihre Omi schließlich.Eine Grachtenfahrt sollte man unbedingt machen. © Günter NeblEine Grachtenfahrt sollte man unbedingt machen.

 

Hausboote aller Art – eine tolle Wohnalternative (ohne die neugierigen Augen rundherum). © Günter NeblHausboote aller Art – eine tolle Wohnalternative (ohne die neugierigen Augen rundherum).Eine Replik der „Amsterdam“, die auf ihrer ersten Reise nach dem Start von Texel strandete. © Günter NeblEine Replik der „Amsterdam“, die auf ihrer ersten Reise nach dem Start von Texel strandete.

 

Am nächsten Tag, nach dem sportlichen Besuch im Park nebenan, fuhren wir ins Landesinnere zu den Windmühlen von Kinderdijk, einem UNESCO-Weltkulturerbe, zu einem längeren Fotostopp, bei dem auch der Blickfang des Coverfotos entstanden ist.

 

Jede Menge Windmühlen stehen im wunderschönen Umfeld bei Kinderdijk. © Günter NeblJede Menge Windmühlen stehen im wunderschönen Umfeld bei Kinderdijk.Und überall erfreuen Blumen, wofür gibt es Laternenmasten sonst? © Günter NeblUnd überall erfreuen Blumen, wofür gibt es Laternenmasten sonst?

 

Weiter ging es auf der Autobahn, wir kamen in einiger Entfernung am Hafen von Rotterdam, der größte Seehafen Europas, vorbei. Dessen Ausmaße werden schon allein durch die Anzahl der angeschriebenen Terminals ersichtlich.

Wir überquerten Brücken, hüpften von Insel zu Insel und erreichten Südholland. Ein sehr einfacher und wunderschöner Campingplatz gewann unser Herz. Kaum zu glauben, aber ein Mensch wickelte unsere Buchung mit Stift und Papier ab, im Gegensatz zum automatisierten Check-in in Amsterdam. Hier befragte ich neugierig ein älteres Ehepaar, das nur mit Rad und einem winzigen Zelt sowie einen Wurfspiel für den Garten unterwegs war. Sie erzählten mir, dass sie die gesamte Atlantikküste entlangradeln wollten. Solch erstaunliche Menschen trifft man beim Campen.

Wir besuchten den Ort Ouddorp, verpassten wegen eines Missverständnisses einen Besuch meines Cousins, und ich aß das erste Mal in meinem Leben Tapas nach Fish and Chips (mit etwas Zeit dazwischen. 😉)

Dann genoss wir wieder den weiten Strand, es wehte ein frischer Wind, weswegen ich erstmals nicht in die Nordsee watete. Außerdem waren es mir zu viele Quallen an diesem Tag, aber Muscheln sammeln geht immer!

 

Ouddorp in Südholland. © Günter NeblOuddorp in Südholland.Tapas zum Nachtisch. © Günter NeblTapas zum Nachtisch.

 

Im Hintergrund der Hafen von Rotterdam. © Günter NeblIm Hintergrund der Hafen von Rotterdam.Dünen sind etwas vom Schönsten der Welt. © Günter NeblDünen sind etwas vom Schönsten der Welt.

 

Endlich wieder Nacharbeiten und Ideen zu Orten notieren. © Günter NeblEndlich wieder Nacharbeiten und Ideen zu Orten notieren.Hier würden wir gerne noch bleiben, aber die Zeit für Recherchereisen läuft ab. Am übernächsten Tag besuchten wir auf dem Weg Richtung Süden und Heimat in der Provinz Zeeland die beeindruckenden Deltawerke mit den Muschelpontons inklusive Robben. Dabei pfiff uns ein saukalter Wind um die Ohren.

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

Ein Teil der Deltawerke, die das Land schützen, im Vordergrund die Robben, die den Schutz für die Aufzucht nutzen. © Günter NeblEin Teil der Deltawerke, die das Land schützen, im Vordergrund die Robben, die den Schutz für die Aufzucht nutzen.Die Bollwerke und Tore, die sich relativ schnell schließen lassen, sind beeindruckend. © Günter NeblDie Bollwerke und Tore, die sich relativ schnell schließen lassen, sind beeindruckend.

 

Ab hier reisen Charlie und Sam in Wohnmobil Wilma übrigens wieder in Richtung Nordholland, während sich unsere Recherchereise dem Ende näherte.

Wir durchquerten einen Zipfel Belgiens und landeten in Maastricht, das wegen eines André-Rieu-Konzerts im Ausnahmezustand und teilweise gesperrt war. Trotzdem schlendern wir durch die hübsche Stadt mit imposanten Häusern und einer unglaublichen Buchhandlung in einer ehemaligen Dominikanerkirche.

 

Im Hintergrund die Dominikanerkirche in Maastricht …. © Günter NeblIm Hintergrund die Dominikanerkirche in Maastricht ….… und die Buchhandlung in dieser. © Günter Nebl… und die Buchhandlung in dieser.

 

Übernachtungstechnisch waren wir hier mit der Gesamtsituation unzufrieden, weswegen wir bis spätabends weiterfuhren und in Monschau, ebenfalls an der belgischen Grenze, Halt machten.

Monschau ist für sein mittelalterliches Zentrum mit Fachwerkhäusern und engen Kopfsteinpflasterstraßen bekannt und ein Hingucker. Das Wetter war regnerisch, als wir zur Burg hinauf wanderten und den Ausblick bewunderten.

 

 Monschaus wunderschöne Altstadt. © Günter NeblMonschaus wunderschöne Altstadt.Der Main und Schloss Johannisburg bei Aschaffenburg. © Günter NeblDer Main und Schloss Johannisburg bei Aschaffenburg.

 

Nun näherte sich der Punkt, an dem ich der ständigen Reiserei müde war und mich nach Daheim und ruhiger Unbeweglichkeit sehnte. Doch noch war es zu weit, um die Strecke an einem Tag zu schaffen.

Wir wählten als letzte Station Aschaffenburg, aber die Luft und Lust war raus. Wir hatten schlechte Laune und vermutlich deshalb nur Schloss Johannisburg: und das Pompejanum, aber nicht den historischen Ortskern mit den Gassen und Fachwerkhäusern gefunden.

Mein Resümee: Nach Holland will ich unbedingt noch einmal. Diesmal mit mehr Zeit an einem Ort, damit wir uns erholen können und ich schreiben kann. Recherche ist wichtig, aber bei diesem Tempo ist daheim viel Nacharbeit (und Erholung) nötig.

Wie gefällt dir nach diesen ganzen Eindrücken das Cover?

Eine Leseprobe habe ich unten für dich im Angebot.

Noch viel mehr zu Holland findest du natürlich im Buch selbst.

Ganz viel Freude dabei wünscht dir
Moni-Isabelle

 

Triggerwarnung:

Fehlgeburt, Endometriose. Ich habe mich um viel Feinfühligkeit rund um dieses Thema bemüht, aber es liegt mir wegen einer familiären Erfahrung sehr am Herzen und sollte nicht totgeschwiegen werden. Das hilft den betroffenen Frauen nicht. Verständnis und Gespräche sind das beste Gegenmittel gegen Depressionen und Angst!

 

Hier eine Leseprobe aus »Mehr Liebe als Löcher im Käse« oder ein PDF zum Herunterladen:

Vorwort

»Ich bin quasi unterwegs, Omi Mila. Nein, gar kein Problem, ich kann früher los. Schreib mir einfach, was unterwegs zu erledigen ist. Bis bald, hab dich lieb!«

Charlotte »Charlie« Klaasen goss während der letzten Worte ihren Kaktus, das einzige Gewächs, das es mit ihr und ihrer seltenen Anwesenheit in der WG in Gräfelfing bei München aushielt. Dann ergriff sie die Tasche, die bereits gepackt gewesen war, als die erste Hilfe-Nachricht ihrer Oma mütterlicherseits auf dem Handy aufgeploppt war.
Sie schlang sich die Sweatjacke um die Hüften, verabschiedete sich von ihrer Freundin Sandra, die nur kurz aufsah, ihr zuwinkte und sich wieder in ihr Tablet und damit die menschliche Anatomie vertiefte. Als sie eben die Tür hinter sich schließen wollte, rief Sandra hinterher:
»Charlie, wann kommst du zurück?«
»Keine Ahnung. Nicht in den nächsten drei Wochen, ich werde erst mal von A nach B und vermutlich bis K geschickt, dann helfe ich meiner Oma beim Saisonstart in die holländischen Sommerferien.«
»Kann Tom …?«
»Ja, er kann sich in meinem Zimmer ausbreiten. Bett ist frisch überzogen, aber er muss die Tussi gießen.«
Sandra lachte.
»Okay, danke – du weißt ja, mein Bruder und dein Kaktus haben eine besondere tiefgehende Beziehung.«
Charlie grinste noch, als sie aus dem Haus trat und in die Nebenstraße zu ihrem Haus auf Rädern eilte. Ja, zwischen Tom und Tussi war eine tiefgehende Beziehung entstanden, als der betrunkene Übernachtungsgast bei seinem letzten Besuch unglücklich gestürzt und von Tussi aufgefangen worden war. In der Notfallambulanz hatte der Arzt einige Stellen an Arm und Schulter aufschneiden müssen, um an die abgebrochenen Stacheln zu kommen. Tussi sah seitdem etwas schräg aus, was Charlie nicht störte, und Tom betrat ihr Zimmer nun nur nüchtern, was sie schon lange gefordert hatte.
Sie hob ihre große Reisetasche mit einem Ächzen durch die Seitentür in ihr Gefährt, stieg ein und hievte die Tasche weiter aufs Bett im Heck. Auspacken würde sie abends oder bei einer Pause, weil sie vermutlich unterwegs auf ein Gewitter treffen würde. Sie stellte ihre Sneakers auf eine Schmutzfangschale und schlüpfte in ihre Wohnmobil-Schlappen. Dann prüfte sie anhand der Checkliste: Die Gaszufuhr war abgedreht, die Badtür festgezurrt, alle Schubladen und Schranktüren hatte sie verriegelt, die Fenster ebenfalls. Sie kletterte nach vorne auf den Fahrersitz, ließ den Motor an und lächelte mit einem entspannten Atemzug.
Die schönste Zeit des Jahres konnte beginnen: die Reise mit ihrem Wohnmobil Wilma nach Holland zu einem mehrwöchigen Aufenthalt bei ihrer Oma, die coolste Socke in ihrer ganzen Familie, trotz der 75 Jahre. In ihrem Camper war Charlie frei, unabhängig, wunderbar einsam. Und niemand konnte ihr das mies machen – denn aller Ärger, jeder nervige Alltag mit nervigen Menschen blieb hier.

***

Sam stolperte über seinen Koffer, als er fassungslos zum Fenster seines Hauses hinaufsah, das eben so heftig zugeknallt wurde, dass die Scheiben klirrten. Gerade noch rechtzeitig streckte er die Hand nach dem sündteuren Edelstahlzaun aus, der sich um das 1000-Quadratmeter-Grundstück in München-Grünwald zog, und verhinderte so einen peinlichen Sturz.

Einen Augenblick lang starrte er, benommen von der unangenehmen Überraschung dieses Morgens, auf den sattgrünen Rasen und verfolgte den vermeintlich chaotischen Weg des Mähroboters. Dann zuckte er mit den Schultern und begab sich zu seinem Audi Avant. Er packte den Koffer auf die Rücksitzbank und fuhr zunehmend nachdenklich aus der 30er-Zone.
Warum verstand sie nicht, dass nur sein Job ihr dieses Leben ermöglichte? Sie wollte alles: die Frau des Geschäftsführers sein, Statussymbole haben wie ein modernes, viel zu großes Haus in einer der hochpreisigsten Gegenden, den teuren Sportwagen und fast ebenso teuren Schmuck. Jederzeit Nobelmarken shoppen und exklusive Klubs genießen – aber das ging nun mal nicht, wenn der Mann zu Hause saß, ohne im Home-Office zu sein. Und bei einem Anwalt, dessen Klienten Zuspruch und Beratung brauchten, war dies ein No Go.
Natürlich hätte er den Urlaub am Gardasee nicht absagen müssen, aber dieser neue Klient brachte eine gesamte Firma mit. So etwas konnte man sich doch nicht entgehen lassen, wenn man eine junge Kanzlei mit nur zwei Partnern war.
Sie war ja trotzdem gefahren, mit einer Freundin, und hatte sicher viel Spaß gehabt. Dass sein Kompagnon an diesem Wochenende krank geworden war, weswegen er diesen Klienten allein hatte übernehmen müssen, war doch nicht seine Schuld, oder? Dennoch musste Sam zugeben, dass er seine Arbeit ebenso liebte wie seine zunehmende Bekanntheit und das Renommee, das sich Ressmann & Kalupka aufgebaut hatte. Er musste mit Peter sprechen, bestimmt hatte der noch ein Gästezimmer für den Übergang für ihn.
Stirnrunzelnd gab er Gas und ahnte nicht, dass noch weitere böse Überraschungen an diesem Tag auf ihn warteten.

Tag 1 Abfahrt

Die Bremsen quietschten, aber ich war froh, dass Wilma bei diesem Regen nicht ins Rutschen gekommen war. Oder sich quergestellt hatte – dafür war auf dieser Autobahnraststätte kurz vor Würzburg weiß Gott kein Platz. Meine treue Weggefährtin, die wie ich 36 Jahre auf dem Buckel hatte, wäre vermutlich gegen einen der vielen Lkw gekracht und die Reise nach wenigen Stunden bereits zu Ende gewesen. Eine Katastrophe für Wilma, mich und meine Omi Mila.

Wütend drückte ich auf die Hupe, was den Grund für meine Bremsung einen Sprung zur Seite machen ließ. Geschieht dir recht, du Idiot von einem Anhalter! Das war verdammt knapp gewesen, beinahe hätte ich dich von der Kühlerhaube kratzen müssen. Du wirfst dich nicht noch mal im Dunklen vor ein altes Wohnmobil, das gerade mühsam Schwung für die Autobahnauffahrt nimmt.
Der Kerl stand da, völlig abgesoffen im Starkregen, hielt sein ehemals weißes Schild vor sich. Vermutlich hatte er etwas Sinnvolles darauf geschrieben, aber ich las nur »…sten Sta…«.
Trug der Kerl einen Anzug? Im Ernst? Der hätte sich gut als Badeanzug der 1920-er gemacht. Kopfschüttelnd startete ich den Motor, der mir bei der Bremsung abgestorben war, erneut, da trat der Mann näher an meinen Wagen. Er hob das Schild nun mit einer Hand über seinen Kopf und machte mir mit der anderen Zeichen. Ich sah ihn grimmig an. Dennoch regte sich ein Quäntchen Mitleid, vermutlich hätte ich ihn nicht mal abkratzen müssen, weil er so nass einfach zu Boden gerutscht wäre. Wo ich ihn dann überfahren hätte – wegen der ebenfalls nicht mehr jugendfrischen Bremsen von Wilma und der nassen Fahrbahn.
Seine Unverfrorenheit heizte meinen Zorn wieder an, und ich kurbelte das Fenster hinunter – für elektrische Fensterheber war Wilma zu betagt.
»Was wollen Sie? Beinahe hätten Sie sich umgebracht und mein Camper wäre dabei zu Schrott geworden.«
Sein Blick fuhr an Wilmas verblichener Seite entlang, aber er war immerhin klug genug, sie nicht zu verspotten. Er kam noch einen Schritt näher, dann weiteten sich seine Augen.
»Charlie? Das gibt’s doch nicht!«
Ich starrte ihn an. Die Strähnen des dunklen Haars – das sonst sicher einen teuren Schnitt zeigte – hingen ihm in die Stirn. In der Dunkelheit sah man auch nicht den besonderen grünen Schimmer seiner braunen Augen, das mich vor ziemlich genau 19 Jahren bezaubert hatte.
Samuel Ressmann – was macht ein Topanwalt und Herzensbrecher hier als Anhalter?
»Sam? Lange nicht gesehen. Voriges Mal sahst du … anders aus.«
Ich musste grinsen, obwohl aus dem letzten Mal, als auch er mich wahrgenommen hatte, mein persönliches Herz-Schmerz-Fiasko geworden war. Da gefiel er mir so pitschnass deutlich besser.
»Hättest du mich umgefahren, wenn du gewusst hättest, dass ich es bin?«, fragte er trocken, was gar nicht zu seinem Zittern aufgrund von Nässe und Kälte passte.
»Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts!«, erwiderte ich spöttisch und musterte sein Schild. »Wohin wolltest du denn?«
»Sieht man doch!«, schnappte er genervt, und ich verdrehte die Augen.
»Ich bin zwar strohdumm, was Männer angeht, aber ich kann lesen. Das Abi beweist das.« Auch wenn ich aus diesem Abschluss nicht viel gemacht hatte.
Er drehte das Schild um und runzelte die Stirn.
»Bis zur nächsten Stadt!« Wir gingen beide nicht darauf ein, dass es eben nicht mehr lesbar war.
»Tja, tut mir leid, ich bin Langstreckenfahrerin, eine Stadt steht die nächsten 500 Kilometer nicht auf meinem Reiseplan. Viel Glück!«
Ich kurbelte das Fenster wieder hoch und musste mir das Grinsen verbeißen, weil er völlig fassungslos war, dass ich ihm keine Mitfahrgelegenheit bot. Mr. Superschlau und Ich-kann-jedes-Mädchen-Haben war das sicher nicht gewohnt.
Nun hetzte er neben mir her, weil ich anfuhr, und hämmerte gegen die Scheibe. Ich bremste erneut, und er rutschte aus, als er so abrupt stoppte. Wieder kurbelte ich das Fenster hinunter und beobachtete ihn, wie er mühsam auf die Füße kam. Die nasse Hose war voller Öl und Dreck, das Schild hatte die Beschriftung völlig verloren und dafür einen Riss erhalten, der sich quer über die Fläche zog. Wir verfolgten beide, wie ein Teil nach unten klappte. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. Das verging mir, als ich seinen Blick sah. Dieser zeigte keine Wut, sondern unendliche Frustration und … Traurigkeit.
Eigentlich war Sam früher nie traurig gewesen, er hatte sein ganzes Leben und die Menschen darin so hingetrimmt, wie er es und sie haben wollte. Mit einem nicht unbeträchtlichen Charme, dem ich als Jugendliche nur zu gern erlegen war. Dass sich ihm nun ein popeliges Schild verweigerte, machte ihm offensichtlich zu schaffen.
»Warum stehst du hier als Anhalter?«
Er hob die Schultern. Seine offene Antwort erstaunte mich, er machte nicht mal den Versuch, etwas zu verschleiern. War ihm sein Renommee nicht mehr so wichtig?
»Die Welt hat mich auf dem Kieker: meine Frau, mein Partner und jetzt auch noch mein Wagen.«
»Zu Recht auf dem Kieker?«
Nun blitzte ein Funken Trotz in seinen Augen auf.
»Zur Ursachenforschung hatte ich noch keine Zeit. Den Wagen haben sie eben abgeschleppt, aber in der Fahrerkabine war kein Platz für mich. Im Hotel ebenso wenig. Ich wollte für ein paar Tage nach Würzburg zu meinem Cousin.«
Nun klang er kratzbürstig wie ein kleiner Junge, der nicht zugeben will, dass er etwas verbockt hat. Seine Augen fingen meinen Blick ein, und ich wusste, dass nicht nur ich mich erinnerte. An die Nächte voller Leidenschaft und Zärtlichkeit, die Tage voller Lachen am Starnberger See oder an der Würm. War ich die Einzige, die soeben das Danach wieder einholte? Hatte er es verdrängt oder vergessen?
Ich seufzte, denn leider war Härte nicht in meinem Genpool enthalten. Nachtragend zu sein, würde ich vielleicht mit etwas Mühe hinbekommen, schließlich hatte Sam mich sehr verletzt.
»Ich bring dich nach Würzburg, aber dort musst du selbst weiterschauen. Hast du keine Klamotten zum Wechseln dabei?«
»Die liegen im Auto, sind also auch abgeschleppt«, murrte er, aber seine Miene hatte sich bei meinem Angebot aufgehellt.
»Ich fahr rechts ran, du kannst an der Seite einsteigen. Auf den Sitz kommst du mir so nicht. Und spring mir nicht wieder vor den Kühler!«
Er wartete, bis ich an der Seite zwischen zwei Monster-Lastern eingeparkt hatte, querte die Fahrbahn und stand bereits vor der Tür, als ich sie nach außen aufschwang.
»Moment!«, befahl ich und wunderte mich, dass er gehorsam stehen blieb. Ich reichte ihm ein Handtuch und deutete auf seine Schuhe.
»Ausziehen und in die Auffangschale stellen! Dann in die Dusche und die nassen Klamotten runter! Und spar dir jeden Anmachspruch. Ich habe dich schon nackt gesehen, und auch ein noch so schöner Körper macht eine schwarze Seele nicht wett.«
Er schwieg, zog die Schuhe aus, stellte sie auf die Plastikschale unter den Tisch und trat in die Dusche, wo er das Jackett auszog. Das Hemd darunter war zum größten Teil nass und klebte an einem sportlich-trainierten Rücken, den er mir zuwandte. Der ganze Mann war breiter geworden, muskulöser – wenn ich ein Beuteschema hätte, würde er nach wie vor enthalten sein. Aber ich war die kluge Charlie, die aus ihren Fehlern lernte und sehr gut ohne bestimmende Menschen mit Y-Chromosom leben konnte.
Ich ignorierte den sich entblätternden Mann und kletterte auf mein Bett, wo ich eine Jogginghose und einen Hoodie aus meiner Tasche hervorzog, die ich ihm reichte, ohne hinüberzusehen.
»Vielen Dank, Charlie, ich weiß das zu schätzen!«
Meine Zunge sperrte sich gegen die üblichen Antworten wie bitte oder gerne. Stattdessen ein kleiner Hinweis reichte vollauf.
»Männerunterhosen habe ich keine an Bord.«
»Du reist allein?«
Er war klug genug, keinen Stringtanga für sich zu erbitten. Mein Humor war, was Sam betraf, nicht besonders groß, und das konnte er sich denken. Ich nickte nur, ergriff die Thermoskanne, die zur Sicherheit im Spülbecken abgepolstert verstaut war, und schenkte uns beiden eine Tasse Tee ein. Wir tranken wortlos, und ich ignorierte, wie gut ihm das durch das Trockenrubbeln wild abstehende Haar stand. Sam war ein schöner Mann, da hatte sich nichts geändert, die Reife machte ihn sogar attraktiver. Obwohl ich mich wunderte, dass ich an dem sonst so schlanken, sportlichen Körper dennoch ein kleines Wohlstandsbäuchlein erspäht hatte.
Als die Tassen leer waren, packte ich alles wieder ins Spülbecken zwischen Lappen, die das Klappern verhinderten, und kletterte auf den Fahrersitz zurück. Er folgte mir und setzte sich neben mich. Wir schnallten uns an, dann lenkte ich Wilma auf die Autobahn, allerdings nur bis zur nächsten Ausfahrt. Denn dort ging es bereits hinunter nach Würzburg, wo ich schon mehrmals direkt am Main den Wohnmobilstellplatz genutzt hatte. Die Übernachtung war preislich in Ordnung, und man erreichte die Innenstadt schnell über eine der beiden Brücken in der Nähe. Ich parkte ein, und Sam wandte sich mir zu.
»Ich bin dir sehr dankbar, und es tut mir aufrichtig leid, dass ich deine Pläne durchkreuzt habe.«
O nein, er sollte nicht glauben, dass er so wichtig war!
»Das hat nur bedingt mit dir zu tun. Ich wäre nicht mehr weit gefahren bei diesem Regen. Ob ich jetzt hier übernachte oder in Aschaffenburg, der Unterschied ist nicht so dramatisch – ich muss nicht hetzen.«
Ich kletterte nach hinten, packte seine nassen Sachen in eine Tüte und drückte sie ihm in die Hand. Dann reichte ich ihm einen Knirps, der seine besten Tage schon hinter sich hatte. Eine Strebe war verbogen, eine andere nicht mehr am Stoff befestigt.
»Dein Cousin wohnt ja nicht weit entfernt, wenn ich mich erinnere. Über die Friedensbrücke und nach rechts.«
»Du hast ein Elefantengedächtnis, dass du dich noch an Kili erinnerst.«
»Er war lustig und nett, an ihn habe ich gute Erinnerungen, solche muss ich nicht wegradieren.«
»So wie die an mich?« Seine Stimme war leise.
»Zum Beispiel. Ich habe in den vergangenen 16 Jahren etwas dazugelernt.«
Ich stieß die Tür auf und sah ihn – mit hoffentlich ausdruckslosem Gesicht – an.
»In die schwimmenden Schuhe musst du leider wieder rein, da kann ich nichts Passendes bieten, und meine Crocks brauche ich selbst.«
»Kein Problem, das halte ich schon aus. Was ist mit der Jogginghose und dem Hoodie?«
»Bring sie bei Gelegenheit zu Marlene. Wir sehen uns gelegentlich, da kann ich sie abholen – es eilt nicht.«
Ich wusste, dass er ab und zu die Bar aufsuchte, in der eine Freundin von mir arbeitete. Einen Seitenhieb konnte ich mir jedoch nicht verkneifen.
»Ich wäre dir dankbar, wenn sie nicht im Müll landen, nur weil sie nicht von Gucci und Co sind.«
»Nein, natürlich nicht. Vielen Dank, dass du sie mir leihst. Ich kann sie dir auch abkaufen.«
Er zog seinen Geldbeutel hervor.
»Nein, lass gut sein. Bring sie einfach irgendwann zu Marlene.«
»Du hattest Umstände meinetwegen …«
»Nicht besonders, sonst stündest du noch an der Raststelle. Ich nehme nichts von dir. Außerdem … vielleicht brauchst du dein Geld noch.«
Das klang giftiger, als ich hatte sagen wollen, und er nickte nachdenklich. »Eine stolze Frau! Gefällt mir. Und vermutlich hast du recht: Über mir kreisen die Geier. Wenn Kira mir den Garaus macht, war es das.«
»Hätte nicht gedacht, das mal von dir zu hören.«
»Und ich hätte nicht gedacht, dass ich es mal sage. Aber so ist das Leben – und auch das ist neu für mich.«
Ich kniff die Augen zusammen, so vieles lag mir auf den Lippen, aber ich schwieg. Ich würde kein Fass mit hochexplosivem Inhalt aufmachen. Er sollte bitte einfach nur gehen. Aber er stand da und starrte in die Nacht – mit den Gedanken offensichtlich weit weg. Als die Tür vom Wind zugeschlagen wurde, öffnete ich sie erneut und sagte energisch: »Komm gut in die Stadt, und sag schöne Grüße an Kili.«
»Mach ich, das wird ihn freuen. Er mochte dich sehr. Dann eine gute Weiterreise und nochmals danke, Charlie!«
Ich schloss die Tür hinter ihm, zog die Innenjalousien an den Fenstern hoch und spähte hinter ihm her, nachdem ich sicherheitshalber das Licht ausgemacht hatte. Er ging rasch davon, ohne sich umzusehen. Wie früher!
Kreisende Geier – Kira, die ihm den Garaus machte – das hörte sich wirklich nicht gut an. Ich glaubte an nicht viel, aber ans Karma. Das schlug zurück, wenn man es zu sehr herausforderte. Und genau das hatte Sam sein ganzes bisheriges Leben getan.

Tag 2 Würzburg

Am Morgen klopfte es an Wilmas Seitentür, aber ich brauchte einen Augenblick, bis ich zu mir kam. Natürlich hatten mich Erinnerungen heimgesucht und lange am Einschlafen gehindert. Wieder klopfte es, und ich rief:

»Moment!«
Wer konnte das sein? Ich musste erst vor dem Rausfahren bezahlen, stand perfekt zwischen den Markierungen. Ich zog mir meine Joggingjacke über das Nacht-T-Shirt und eine Leggins über den Slip.
Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte mir, dass ich so wirr aussah, wie ich mich fühlte. Rasch strich ich die blonden Strähnen zurück, schnappte mir einen Haargummi und verpackte das Gestrüpp in einem Bun. Eine Handvoll Wasser übers Gesicht, das musste reichen. Dann öffnete ich die Tür und brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer vor mir im Sonnenlicht stand und eine Tüte mit dem Aufdruck einer Bäckerei hochhielt.
»Kili?« Ich konnte nicht anders als zu lächeln und ihm gleich von der untersten Stufe aus um den Hals zu fallen. Sein bärenstarker freier Arm drückte mich an einen muskulösen Oberkörper in Wikingerausmaßen.
»Mensch, Charlie, dass ich dich mal wieder umarmen darf … das ist so schön!«
Irgendwo hinter dem Gestrüpp im Gesicht lag ein breites Lächeln, als ich versuchte, mich zurück auf die Treppe zu hangeln.
»Was machst du hier?« Natürlich musste es mit Sam zusammenhängen, das war mir klar, auch wenn er nicht zu sehen war.
»Auf Kaffee hoffen, ich hab Frühstück als Bestechung dabei.«
»Na dann, komm doch rein, falls du Wikinger durch diese Tür passt.«
Ich öffnete das Dachfenster einen Spalt, stellte Wasser auf den Herd und zündete die Gasflamme. Er ließ sich schwer in den umgedrehten Beifahrerstuhl plumpsen und legte die Tüte auf den Tisch.
»Ein Auftrag deines Cousins?«, fragte ich mit erhobenen Augenbrauen. Er lachte.
»Nein, die Idee ist mir selbst gekommen, aber leider hat sie einen Haken. Kann ich noch einen Kaffee haben, bevor ich ihn beichte?«
»Du kriegst immer einen Kaffee, Kili. Ich sehe dich völlig getrennt von Sam.«
»Und trotzdem hast du ihn gestern gerettet. War es sehr schwer?«
Ich seufzte, dann grinste ich.
»Das Anhupen hat Spaß gemacht, das Überfahren habe ich mir im letzten Moment verkniffen.«
»Ich weiß nicht, ob ich an deiner Stelle diese Größe gehabt hätte.«
Kilian lachte, und ich dachte daran, wie er Sam damals die Meinung gegeigt hatte.
»Und trotzdem kommst du mit Bestechung zu einem Haken?«
»Er sitzt grad echt in der Scheiße. Und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage: Sam macht einen hilflosen Eindruck auf mich.«
»Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Aber erzähl.«
Ich füllte Kaffeepulver in den Goldfilter und stellte diesen auf eine alte Thermoskanne meiner Großmutter väterlicherseits. Diese Kanne toppte alle modernen und konnte ihren Inhalt immer noch zwei Tage warm halten. Dann goss ich das mittlerweile kochende Wasser darüber. Wir atmeten beide genüsslich ein, als der Duft den Raum erfüllte. Während ich aus dem Kühlschrank Marmelade, Quark und einen Kräuteraufstrich holte, öffnete Kilian die Tüte. Erst als die Teller und dampfenden Tassen vor uns standen, begann er zu sprechen. Ich ließ ihm die Zeit, vermutlich überlegte er, was er preisgeben durfte. Ich verstand seine Vorsicht: Einer rachsüchtigen Ex zu viel schmerzhaftes Wissen in die Hand zu geben, war nicht unbedingt eine gute Idee.
»Er kauft sich gerade Klamotten«, begann er recht unvermittelt.
»Mein Hoodie und die Jogginghose sind sicher nicht sein Stil«, erwiderte ich und biss in die Körnersemmel.
»Ein bisschen klein vor allem. Aktuell hat er etwas von mir an, in den Gürtel mussten wir einen Knoten machen. Wobei er nicht mehr so schlank ist wie früher. Das hat mich fast am meisten geschockt, er war ja immer sehr sportlich und hat sich gesund ernährt. Dass Kira ein Miststück ist, war ja keine Überraschung.«
Dass mir Sams Bäuchlein ebenfalls aufgefallen war, sagte ich nicht. Wer wusste schon, ob Kili es später erwähnen und Sam es ganz anders verstehen würde, a là: »Sie hat dich genau betrachtet …«
»Sie hat ihn rausgeworfen«, sagte Kili grimmig.
»Hm, zu mir hat er gestern nur gesagt, dass ihn seine Frau, sein Partner und sein Auto auf dem Kieker haben.«
»Es geht leider tiefer, sie hat ihn betrogen.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Entschuldige, dass mir gerade das Mitleid ausgegangen ist.«
»Mit seinem Kanzleipartner!«
Ich zog die Augenbrauen hoch.
»Wow, das ist heftig. Schon länger?«
»Sie hat es ihm gestern gesagt, den ersten Teil – dass sie einen anderen hat. Wer es ist, hat er erfahren, als er bei seinem Partner aufs Gästezimmer gehofft hat. Das heißt, die Kanzlei wackelt auch gewaltig.«
Wir sahen uns an, Kili seufzte.
»Schau mal, ob du Mitleid nachbestellen kannst.«
»Er hat schon öfter im Leben das Karma mit Füßen getreten, jetzt tritt es zurück.«
Kili nickte. »Mich hat er auch kaum mehr besucht. Er hat dich und mich wegen seines Ehrgeizes mit Füßen getreten. Trotzdem tut er mir leid.«
»Ich will jetzt wirklich nicht kindisch sein und Vergleiche anstellen …« Ich wurde allmählich sauer.
»Ja, dich hat er beschissen behandelt, das weiß ich.«
»Was wollt ihr von mir? Ich bin auf dem Weg zu meiner Oma in die Niederlande. Mein WG-Zimmer in München ist für die Zeit schon vergeben.«
»Du wohnst in einer WG?«
»Ja, mit einer Freundin. Und ja, ich bin Single. Und ja, ich bin selbstständig im Catering mit miesen Einnahmen, weil ich nur Kleinstaufträge annehme. Aber für mich reicht es. Ich brauche keinen reichen Mann in meinem Leben.«
»Und du bist glücklich.« Er stellte es als Aussage dar, aber ich hörte die winzige Betonung einer Frage heraus. Ich schwieg, dann gab ich zu:
»Meistens. Nur habe ich manchmal das Gefühl, ich möchte noch etwas anderes versuchen. Aber der Trend geht ja zum Neustart ab 50 hin, also habe ich noch Zeit.«
Er nickte, aber es dauerte wieder einige Minuten, bis er sehr zögerlich weitersprach.
»Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen.«
»Tut ihm Kiras Verrat weh oder der des Partners? Wie hieß der noch?«
»Peter Kalupka. Die arbeiten seit dem Ende des Studiums zusammen.«
»Sind also ebenso lange verbunden wie Sam und Kira.«
»Ja, so gesehen ist er eine treue Seele.«
Ich prustete los. »Doch nur, weil Mr. Wichtig keine Zeit für das Leben hat.«
Kili schüttelte den Kopf. »Sam hat es noch nie gutgeheißen, wenn jemand untreu ist.«
Nun köchelte es in mir, in bitterem Tonfall sagte ich:
»Na klar, vergleichsweise kann man seine Partnerin, statt fremdzugehen, einfach vor vollendete Tatsachen stellen und sie verlassen – und es als ehrenhaftes Benehmen und Treue deklarieren, weil man ja nicht betrogen hat.«
Kili sah mich an, und ich schämte mich beinahe bei dem Tadel in seinem Blick, doch er schüttelte den Kopf.
»Du hast recht. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dass ich ausgerechnet dich um Hilfe bitten wollte. Offensichtlich sind die Wunden, die Sam bei dir verursacht hat, immer noch nicht verheilt. Das tut mir sehr leid, Charlie.«
Diese Worte machten mich erst recht wütend.
»Natürlich sind sie verheilt. Ich heul doch so einem Egoisten nicht ewig nach! Aber das heißt nicht, dass ich es vergesse. Ich bin vorsichtig geworden.«
Er beugte sich vor und legte seine Pranke auf meine deutlich schmalere Hand. Seine braunen Augen musterten mich, als er mich anlächelte.
»Das ist gut so und gleichzeitig sehr traurig. Du warst so ein Sonnenschein. Offenherzig, mitfühlend, hilfsbereit.«
»Kili! Hör auf, mich manipulieren zu wollen. Ich bin nicht blöder als früher.«
»Entschuldige, das war nicht geplant.« Er grinste ein wenig reuevoll, was mich nicht besänftigte. Was hatte er vor?
Ich warf die Hände in die Luft und stöhnte.
»Red schon. Was willst du von mir?«
»Sam sagte, du machst eine Reise zu deiner Oma. Wie lange dauert die?«
»Mindestens drei Wochen, eventuell länger.«
»Wie schön. Das Problem ist, dass ich Sam nicht aufnehmen kann. Meine Wohnung wird renoviert, ich habe ab morgen kein Wasser mehr, weil die Leitungen marode sind. Das konnte ich so terminieren, dass es auf meine Kur fällt.«
Besorgt fragte ich: »Du gehst auf Kur? Warum?«
Verlegen erwiderte er: »Ich habe einen leichten Schlaganfall gehabt. Falsche Ernährung sagt der Doc.«
Entsetzt sah ich ihn an. »Du bist doch erst 40 oder so?«
»Ja, es war auch nicht massiv, aber ich muss etwas ändern.«
»Unbedingt! Aber dann schick ihn doch einfach zurück nach München. Er kann sich ein Airbnb oder ein edles Hotelzimmer mieten und nebenbei seine Frau und den Partner verklagen.«
»Kira hat die Konten einfrieren lassen und die Scheidung eingereicht. Wegen Zerrüttung der Ehe. Und natürlich klagt sie auf Unterhalt!«
Das war ein starkes Stück! Etwas ernüchtert hakte ich nach: »Hat er kein Geschäftskonto?«
»Das hat der Partner leer geräumt.«
Ich schüttelte den Kopf. Das war tatsächlich ein Albtraum, den man nicht einmal im Schlaf geschweige denn in der Realität haben wollte! Dennoch versuchte ich, mein Mitleid weiterhin zu unterdrücken.
»Das kann er doch sicher schnell klären und Anzeige erstatten, damit die beiden mit dem Geld nicht auf die Philippinen verschwinden.«
Kilian nickte und lehnte sich wieder zurück.
»Ja, das macht er auch. Er hat einen bekannten Anwalt eingeschaltet. Aber er ist am Ende, Charlie. Sein Ruf ist kaputt, er redet nur davon, dass er eine Lachnummer in München ist.«
»Der Herzschmerz hält sich also in Grenzen?«, hielt ich spöttisch entgegen. Kili ging nicht darauf ein.
»Nimm ihn mit, du hast die Magie, ihn mit deiner guten Laune und deiner lässigen Lebensweise aus dem Tief zu holen. Und jetzt sag bitte nicht, du willst, dass er darin stecken bleibt.«
»Er ist nicht der Typ für ein Dauertief, und er wird sich nichts antun.«
»Letzteres glaube ich auch nicht, aber er steckt voll in der Depression.«
»Und ausgerechnet ich soll die auffangen? Also bin ich das Trostpflaster in der Midlife-Crisis eines Egoisten, der mich verspeist und ausspuckt, sobald er sein Leben und Geld zurückhat? Wer fängt dann mich auf? Ich dachte, du bist auch mein Freund!«
Ich war fassungslos. Was wollte er mir da zumuten?
»Das bin ich, Charlie. Und wenn ich zu Hause wäre, würde ich ihn aufnehmen. Trotzdem würde ich ihm nicht das geben können, was er braucht: Erdung, gute Laune, neue Sichtweisen. Mit dir auf einem Roadtrip zu sein, wäre wie eine Frischzellenkur.«
»Die ihn so gut erholen wird, dass er wieder um sich schlagen kann, denn seinen Charakter wird er kaum ändern.«
Nun sah er mich kritisch an.
»Sei fair, Charlie. Du weißt, dass Sam kein bösartiger Mensch ist. Er war egoistisch, nicht nur zu dir, aber vielleicht ist das der Wendepunkt. Vielleicht begreift er, was er verkehrt gemacht hat.«
Ich starrte auf meinen Kaffee, dann trank ich ihn in einem Stück aus. »Gestern meinte er recht zickig, dass er noch keine Ursachenforschung für den aktuellen Mist in seinem Leben betrieben hat.«
»Er stand mit einem Schock pitschnass im Regen!«
»Nein, Kili. Verzeih mir, aber er wird mich zerstören.«
»Du bist eine starke Frau!«
»Nein!«
»Und wenn es ihm etwas besser geht, könntest du dich für alles rächen.«
»Du bist nicht nur manipulativ, sondern auch boshaft! Außerdem habe ich hier nicht genug Platz. Nein, nein, nein!«
In diesem Moment klopfte es wieder an meiner Tür. Ich erhob mich und öffnete. Sam stand davor und lächelte mich mühsam an.
»Sorry, dass ich nochmals nerve, aber Kili sagte, ich solle ihn bei dir abholen.«
Ich schluckte, als ich die Ringe unter seinen schönen braunen Augen mit dem deutlichen grünen Schimmer und die Blässe seines Gesichts sah. Er trug Jeans, ein dünnes Sweatshirt und Sneakers. Damit wirkte er schmerzlich vertraut. So hatte sich der junge Sam damals gekleidet, in den ich unglaublich verliebt gewesen war. Doch statt mir die Sterne von Himmel zu holen, hatte er sich in Anzug und Krawatte und mich aus seinem Leben geworfen.
Er reichte mir eine Tüte. »Deine Kleidung, frisch aus dem Waschsalon. Vielen Dank fürs Leihen.«
Sehr effektiv, der Mann! Ob das Kilis Idee gewesen war, um mich positiv zu stimmen?
»Danke, dass ich sie so schnell zurückbekomme. Willst du einen Kaffee?«, bot ich etwas widerwillig an.
»Wenn wir dich nicht aufhalten …«
»Ich habe es nicht eilig, wie du weißt.«
Ich überließ ihm meinen Platz auf der Bank und setzte mich auf den Notsitz an der Stirnseite des kleinen Tischs. Sam stellte eine große Tüte mit weiterer Kleidung ab und bedankte sich, als ich ihm den Kaffee einschenkte. Das Essen lehnte er jedoch ab. Ich bemerkte, dass seine Hände leicht zitterten, als er die Tasse ergriff.
»Du solltest etwas essen.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Hunger.«
Kili sprach meine Gedanken aus.
»Aber dein Körper. Willst du, dass Kira von einem Krankenhaus informiert wird, dass du einen Schwächeanfall ihretwegen hattest?«
Er zuckte mit den Schultern, sein Blick zeigte weder Wut über meine Aussage noch Leid – das Einzige, was ich sah, war Leere. Ohne ein weiteres Wort griff er nach einer Breze, die er mit zunehmendem Appetit verspeiste. Kili wirkte erleichtert, vermied es aber, mich anzusehen, als wolle er mich nicht länger unter Druck setzen. Stattdessen fragte er nach meinem Ziel.
»Ich fahre heute noch bis in die Nähe von Koblenz, da bleibe ich zwei Nächte auf einem sehr schönen Naturcampingplatz. Dann geht es über Viersen in die Niederlande und rauf bis nach Workum. Dort muss ich für meine Omi etwas erledigen. Sind vielleicht noch einmal zwei Nächte, bevor ich über den Damm nach Den Helder zuckle – die nächste Aufgabe wartet auf Texel auf mich.«
»Was hat deine Oma für dich auf einer Insel zu tun? Wofür schickt sie dich quer durchs Land?«, wunderte sich Kili, und uns beiden entging nicht, dass in Sams Blick erstmals Interesse aufblitzte.
»Ich wünschte, ich könnte es dir so genau sagen, aber es hat mit Menschen zu tun, die Omi Mila viel bedeuten. In Workum ist es meine Tante, der es wohl nicht gut geht.«
»Und sie selbst kann nicht fahren?«, fragte Sam, und ich schüttelte den Kopf.
»Schon, aber nicht so gerne. Sie fährt meist nur im Umkreis zum Einkaufen. Sie ist 75 und sollte eigentlich mal aufhören zu arbeiten, will aber ihre Frühstückspension nicht aufgeben. Deswegen helfe ich den Sommer über.«
»Macht dir das Spaß?«, wollte Kili wissen. Ich lächelte, als ich an meine Omi, ihre kleine Pension und die Dünen mit Strand auf der anderen Seite dachte.
»Ja, sehr. Es ist wunderschön dort. Ich überlege jedes Mal intensiver, ob ich nicht ganz hinziehe. Aber meine Tante und zwei Onkel sind die Erben – keine Ahnung, ob sie interessiert sind oder nach Omis Tod lieber verkaufen.«
»Von Texel zieht man vermutlich auch nicht gern weg, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat und immer dort gelebt hat, oder?«
Kilis Einwand war grundsätzlich richtig, passte jedoch nicht zu meinem Onkel Luuk. Ich musste grinsen, denn dieser war alles andere als ein typischer Inselbewohner in fortgeschrittenem Alter.
»Er ist erst 58, lebt im Winter auf Teneriffa, im Sommer auf Texel. Er war Pilot und muss nicht mehr arbeiten. Und er will es auch nicht, ihm reicht, was er hat«, fügte ich mit einem Seitenblick zu Sam hinzu.
»58? Dann war sie aber eine sehr junge Mutter.«
»Ja, Luuk schon damals gern schnell unterwegs«, grinste ich, und Kili lachte.
»Hat er Kinder?«
»Nein, er hat eine deutlich jüngere Lebensgefährtin, die ich noch nicht kenne, mit eigenem Vermögen. Mein Onkel Len hat zwei Kinder, Tante Liv eine Tochter.«
Die beiden Männer schwiegen, und ich ahnte, dass sie über meine Eltern nachdachten. Meine Omi hatte mich zu sich geholt, als meine Eltern sich entschlossen hatten, nach Australien zu meinem Bruder zu ziehen, der während seines Herumziehens in der Welt auf einer Wildtierauffangstation die Liebe seines Lebens kennengelernt hatte und geblieben war. Damals war ich fast volljährig und sehr verliebt gewesen – in Sam natürlich – und wollte auf keinen Fall von ihm weg. Das Bleiben hatte sich nicht rentiert, er hatte sich genau zu dieser Zeit entschieden, auf sich zu schauen. Nur auf sich! Wie meine Eltern, die zu ihrem Prinzen wollten und ihren Lebensmittelpunkt samt Arbeit auf die größtmögliche Entfernung ver­lagert hatten. Deswegen war ich erst am völligen Tiefpunkt nach Holland gezogen und dort ein Jahr geblieben, bevor ich in München eine Ausbildung zur Köchin gemacht hatte. Kochen erdete mich, ich konzentrierte mich auf mein Tun, dachte über Kreationen nach, die einen Teller geschmacklich und optisch bereichern konnten – und niemals über Belastendes.
Ich begegnete Sams Blick und stutzte. Wusste er noch, dass er mich in der einsamsten Zeit meines Lebens hängengelassen hatte?
Eine tiefe Falte stand zwischen seinen Augen, doch er sagte nichts. Schließlich wollte niemand mehr frühstücken. Ich verpackte die restlichen Brötchen und Brezen und reichte sie Kili, der jedoch abwinkte.
»Ich brauche sie nicht, ich fahre heute Mittag bereits los.«
Nun blickte er mich bedeutsam an. Ich biss mir auf die Lippen, seufzte und nickte knapp, was ihm ein breites Grinsen entlockte. Dann wandte er sich an meinen Ex.
»Hör mal, Sam: Du kannst bei mir ja leider nicht bleiben. Was hältst du davon, mit Charlie auf einen Roadtrip zu gehen?«
Sams Kopf schoss hoch. In seiner Miene las ich nur Erstaunen. Kili hatte offensichtlich nicht mit ihm über seine Idee gesprochen. Entgeistert blickte er von einem zum anderen.
»Wessen Idee war das? Deine vermutlich, Kili, da Charlie mich gestern ja noch am liebsten überfahren wollte.«
Er wandte sich mir zu. Ich sah ihn schweigend an, bemühte mich ernsthaft um ein Pokerface, denn ich wollte ihm meine Abscheu nicht so deutlich zeigen. Oder würde er noch etwas anderes in meinem Gesicht lesen?
Kili sprach weiter in drängendem Tonfall. Der Kerl wollte einfach ohne schlechtes Gewissen auf Kur gehen!
»Du kämst auf andere Gedanken. Und vielleicht könnt ihr manches ausreden, was damals vorgefallen ist.«
»Ich will auf keinen Fall über damals reden!«, sagte ich mit bemüht fester Stimme und sah Kili böse an.
Sam erhob sich und schlug sich den Kopf an dem Zusatzfach über der Bank an. Er stieß einen Schmerzenslaut aus, aber sein Blick ließ mich nicht los.
»Hier ist es übrigens viel zu eng für zwei Menschen, die sich nicht besonders leiden können«, fügte ich mit einem boshaften Grinsen hinzu, das ich nicht unterdrücken konnte.
»Da sprich bitte mal nur für dich, Charlie!«, wandte Sam ein und rieb sich den Hinterkopf, bevor er mir ein kleines Lächeln schenkte. »Aber du hast recht, ich wäre eine Zumutung für dich.« Zögernd setzte er hinzu: »Ich will dich nicht an unsere gemeinsame Zeit erinnern, du hast alles Recht der Welt, auf mich sauer zu sein, und bist zu nichts verpflichtet. Das ist eine Schnapsidee von Kili!«
Ich schwieg, sah ihm zu, wie er ausstieg, und nickte wortlos zu seinem verabschiedenden Winken.
Kili schoss aus dem Stuhl. »Bitte gib mir fünf Minuten und fahr noch nicht gleich ab.«
»Fünf Minuten! Aber übertreib es nicht mit der Überredungskunst. Wenn wir es beide als unangenehm empfinden, ist es doch unsinnig.«
Vielleicht zählte es ja, wenn Sam sich unwohl fühlte, nachdem mein Befinden offenbar nachrangig war.
Kili beeilte sich, seinem Cousin zu folgen, und ich seufzte erneut. Eigentlich hatte ich noch auf die Festung Marienberg hoch über Würzburg spazieren wollen und ärgerte mich, dass ich mich schon wieder bog, nur um Sam schneller hinter mir zu lassen.
Die beiden wanderten zum Weg neben dem Main, und ich erkannte nur ihre armfuchtelnden Schemen hinter den Ästen der Bäume und Büsche. Sollte ich doch lieber zackig die Zelte abbrechen, um dem Damoklesschwert zu entgehen, das möglicherweise gleich über mir aufgehängt würde?
Ich spülte gerade ab, als Sam seinen Kopf in die Türöffnung stecke. Wir sahen uns an.
»Kannst du es dir wirklich vorstellen, mich mitzunehmen?«, fragte er nachdenklich. Ich hob die Schultern.
»Nein, ja, nein, ich weiß nicht. Es kommt auf dich an, Sam, ob du dich anpassen und auf Star-Allüren verzichten kannst. Keine Schlaumeiersprüche über mein Leben und wie ich es verbessern kann. Du wirst genauso abspülen, kehren, das Klo ausleeren, Wasser tanken. Du beteiligst dich an den Kosten zu 50 Prozent. Und keine Anmache, kein Versuch, mich zum Trostpreis zu degradieren.«
Er nickte und meinte: »Das würde ich nicht, Charlie. Mir tut es nach wie vor sehr leid, wie ich mich damals verhalten habe. Dass ich helfe und meinen Teil zahle, ist selbstverständlich. Wie läuft es bei dir ab?«
Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du?«
»Dein Tagesablauf, wann frühstückst du, wann startest du auf die Straße? Wie verlaufen die kommenden Tage?«
Ich musste lachen. »Das meinte ich mit ›anpassen‹. Bei mir ist jeder Tag völlig unterschiedlich und spontan, Sam. Das Einzige, was ich beherrsche und du nicht.«
Er musterte mich neugierig, dann grinste er. »Da gibt es sicher noch mehr. Es wird auf jeden Fall eine neue Erfahrung für mich.«
»Und nicht die bequemste, das kann ich dir versprechen. Aber Kili fand, es täte dir gut.«
Sam wirkte nachdenklich, aber nicht abgestoßen.
»Flexibel und spontan sind wirklich Adjektive, die gar nicht zu mir passen. Aber nachdem dieses Jahr offenbar eines zum Dazulernen ist, wäre ich doch dumm, würde ich es nicht versuchen, oder?«
Bei seinem bitteren Tonfall wurde mir klar, dass er Stimmungsschwankungen haben würde. Etwas, das ich nicht besonders mochte. Ich wurde ernst.
»Eins noch: Wenn es für mich nicht mehr geht, weil es zwischen uns zu kompliziert wird – oder du zu kompliziert oder zickig wirst – breche ich das Experiment ab und lasse dich am nächsten Taxistand oder Bahnhof raus. Also heb dir einen Notgroschen für die Heimfahrt auf.«
»Kili leiht mir Geld, bis mein Anwalt Erfolg hat.«
»Sie haben dich wirklich komplett ausgenommen?«
Er nickte, und ich riss mich zusammen, um meine Meinung für mich zu behalten.
»Blöd gelaufen«, murmelte ich nur, um meine Neugier zu verbergen. Was um Himmels willen hatte er angestellt, dass sie das taten – seine Frau und sein bisheriger bester Freund?
»Ich würde noch gerne zur Festung rauf laufen. Du kannst aber derweil bei Kili bleiben, und ich hole dich ab.«
Sein misstrauischer Blick ließ mich auflachen.
»Ich lasse dich nicht sitzen. Aber ich will auch nicht deinetwegen meinen Plan ändern.«
Sein Stirnrunzeln schwand, und er lächelte knapp.
»Es würde mich jucken, mitzugehen, aber ich bin ein bisschen wacklig auf den Beinen nach diesen 36 Horrorstunden. Vermutlich halte ich dich auf. Und Kili muss noch Klarschiff machen, bevor er fährt.«
»Dann ruh dich hier aus. Den Schlüssel nehme ich allerdings mit, du musst also beim Wagen bleiben.«
»Kein Problem.«
Vermutlich hätte er vor den 36 Stunden geantwortet, dass ich keine Angst haben müsse, dass er die Schrottkarre klauen würde.
Kili verabschiedete sich mit einem breiten Lächeln und einer festen Umarmung, in der nacheinander Sam und ich verschwanden.
»Nach der Kur kannst du gern einen Kochkurs für gesunde Ernährung bei mir buchen«, bot ich zwinkernd an, und er erwiderte ernst:
»Darauf komme ich ganz sicher zurück. So wie du aussiehst, Charlie, machst du alles richtig.«
Ich spürte, wie ich rot wurde, und vermied den Blick zu Sam. Der wandte sich abrupt um und stieg in Wilma ein.
»Ich wünsche euch beiden alles Gute«, meinte Kili leise, aber ich schüttelte den Kopf.
»Danke, aber das sind getrennte Wünsche und werden es auch bleiben. Ich habe aufgehört, meine Fehler zu wiederholen.«
»Du hast vermutlich noch nie Fehler gemacht, Charlie. Nur ausprobiert und nachgebessert – so sollte es sein.«
Er drückte mich nochmals, dann machte er sich auf den Rückweg über die Mainbrücke.
Nachdenklich folgte ich Sam in den Wagen. Unwillkürlich durchfuhr mich ein Schaudern, als mir die Nähe des Mannes bewusst wurde, den ich eigentlich nicht mehr ertrug. Sam quetschte sich hinter den Tisch auf die schmale Bank und sah mich unsicher an.
»Sag mir, was ich tun soll.«
Ich musterte ihn und seine langen Beine und seufzte.
»Du kriegst das große Bett hinten, du musst dich eh schon schräg legen, zusammenfalten wäre grausam.«
»Wo schläfst du?«
Ich deutete über mich auf den Alkoven, den ich normalerweise nur als Lager missbrauchte.
»Du kannst deine Klamotten auf der linken Seite des Betts unterbringen, rechts habe ich meine. Während ich jetzt wandere, kannst du dich gerne umschauen, wo alles ist.«
Ich erklärte ihm noch die Toilette und das Waschbecken, das ausgetrocknet werden musste, verbot ihm, zu kochen, bevor ich zurück wäre, und wies darauf hin, dass Duschen und Toiletten an den Stellplätzen oder Campingplätzen genutzt werden sollten.
»Hier drin wird nur nachts gebieselt oder im Notfall.«
Der Mann, der vermutlich in den vergangenen zehn Jahren nur in Luxushotels abgestiegen war, verzog keine Miene. Er erhob sich, als ich hinauskletterte, um meine Turnschuhe anzuziehen, und begann, seine neu erworbene Kleidung aus den Tüten zu holen.
»Roll die T-Shirts einzeln, so kriegen sie keine Falten«, riet ich ihm noch, dann nahm ich den Weg und die Treppen in Richtung Marienfeste.
Wenig später stand ich oben in den Gärten und blickte hinunter auf die Stadt. Ein einziger Halt auf einer Autobahnraststätte in der falschen Minute hatte solch eine gravierende Auswirkung auf mein Leben in den nächsten Wochen. Denn dass Sams Anwesenheit ohne psychische Folgen für mich sein würde, glaubte ich keine Sekunde. Dafür hatte ich ihn zu sehr geliebt und gehasst. Wäre ich nur zwei Minuten früher abgefahren! Hätte ich nur nicht so lange überlegt, welche Schokolade ich kaufen wollte! Zwei Minuten – ein Witz mit Konsequenzen, die meinen sonst schier unendlichen Humor vermutlich noch fordern würden.

***

Als ich zum Camper zurückkehrte, war die Tür geschlossen. Wehe, Sam war gegangen, ohne abzusperren, denn die Schlüssel hatte ja ich. Ich spähte ins Innere und sah seine Füße, die in den Mittelgang hinein hingen. Leise kletterte ich ins Innere und sah, dass er tief und fest schlief.

Ich überlegte, ob ich ihn wecken sollte, und blickte auf die Uhr in der Fahrerkabine. Es war erst früher Nachmittag, bis nach Montabaur waren es nur gute zwei Stunden, es eilte daher nicht. Ich entschied mich, ihn schlafen zu lassen, und bereitete mein Bett vor. Einige Dinge ließ ich auf die Sitze unter mir sinken, die mussten woanders verstaut werden, dann legte ich mich zurück und schloss die Augen.
Wach wurde ich von einem dumpfen Geräusch und einem Schmerzensschrei. Ich drehte mich zur Seite – denn ich kannte die Abmessungen lang genug, um mich nicht einfach aufzusetzen – was Sam offensichtlich getan hatte. Er saß auf dem Bett und rieb sich mal wieder den Kopf. Als er aufsah, winkte ich hinüber.
»Noch ist es nicht zu spät«, meinte ich grinsend, aber er lächelte nur etwas mühsam.
»Ein bisschen was halte ich schon aus.«
»Außerdem erhöhen Schläge das Denkvermögen, oder?«, stichelte ich. Er lachte.
»Auf den Hinterkopf und besser nicht zu viele, heißt es.«
Wir sahen uns über die Länge von Wilma hinweg an.
»Du wirst dich daran gewöhnen. Und wenn nicht …«
»… setzt du mich an einem Bahnhof aus.«
»Richtig. Ich würde gerne bald starten.«
Er nickte. »Ich gehe noch brav auf die öffentliche Toilette, okay?«
»So eine gibt es hier leider nicht, du darfst also die Badtür hinter dir schließen. Ich stecke derweil den Strom ab. Entsorgung braucht es noch nicht, ich bin ja gestern erst losgefahren.«
Auch um ihm etwas Privatsphäre zu gönnen, stieg ich aus und schloss die Tür hinter mir. Dann entfernte ich den Stecker aus der Stromladestelle, rollte das Kabel auf und verstaute es in der praktischen Heckgarage. Da in diesem Moment die Spülung betätigt wurde, wusste ich, dass Sam fertig war, dennoch ging ich zunächst zum Automaten und bezahlte. Als ich wieder in Wilma kletterte, erwartete mich Sam bereits.
»Was kann ich tun?«, fragte er.
»Wir gehen die Checkliste zusammen durch.«
»Du hast eine Checkliste? Das passt gar nicht zur lässigen Charlie.«
Ich grinste, denn er hatte recht.
»Wenn ich in eine Kurve fahre und die Badtür zuknallt, weil ich vergessen habe, sie zu fixieren, bekomme ich Herzrasen, das ist am Steuer nicht förderlich. Außerdem nervt es, wenn dauernd etwas klappert. Warst du schon einmal in einem Camper unterwegs?«
Er schüttelte den Kopf, und ich angelte nach meiner Checkliste und drückte sie ihm in die Hand.
»Okay, Badtür.«
Ich fixierte sie mit dem Klettband und sagte: »Badtür checked.«
Er lachte. »Schränke und Schubladen.«
Ich zeigte ihm, dass es wichtig war, alles, was aufklappen konnte, von vornherein daran zu hindern – vom Badezimmerschrank bis zu den Küchenschubladen.
»Der WC-Verschlussriegel ist auch wichtig. Falls der Abwassertank mal sehr voll ist und wir über eine Buckelpiste fahren, wollen wir ja nicht, dass etwas raus schwappt.«
Er verzog das Gesicht und nickte, dann holte er das Vergessene eilig nach.
»Satellitenanlage. Du kannst hier fernschauen?«
»Ja, das mache ich aber selten. Für Strom verlangen sie auf den Stellplätzen oft viel, und Lesen ist eh schöner.«
»Kühlschrank umgestellt?«
Ich zeigte ihm die passenden Symbole für Batterie-, Gas- und Strombetrieb und stellte auf Batterie um.
»Gas zugedreht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Das machen wir zusammen.«
Endlich war alles gecheckt, und ich lenkte Wilma aus dem WoMo-Gelände und kurz darauf wieder auf die Autobahn.
Es wurden lange zwei Stunden bis nach Montabaur, denn wir sprachen kaum, das Schweigen hing unangenehm zwischen uns. Aber wahrscheinlich empfand auch nur ich das so, und er brauchte einfach etwas Ruhe. Seine Gedanken mussten in seinem Kopf ja dramatisch durcheinander toben. Zumindest wäre es mir so ergangen.
»Entschuldige mein unhöfliches Schweigen«, meinte er mit einem Mal. Ich warf ihm einen Blick zu, aber er sah weiterhin nach vorne.
»Kein Problem. Dir tut es vermutlich gerade gut, oder?«
Er seufzte und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.
»Meine Gedanken drehen sich dauernd im Kreis. Hätte ich etwas merken müssen? Wie konnte mir das entgehen? Natürlich weiß ich, dass es zum großen Teil daran liegt, dass ich ein Workaholic bin. Was mich wieder darauf bringt, dass ich Fälle habe, an denen ich arbeiten müsste, weil sich meine Klienten auf mich verlassen. Dann denke ich: Es ist scheißegal, mein Leben löst sich gerade auf, was kümmern mich die anderen? Aber da ist dieser Sorgerechtsstreit, der wegen eines kleinen Kindes möglichst kurz dauern sollte. Und noch ein paar andere.«
»Und du kommst an die Fälle nicht ran?«
»Peter hat meinen Zugriff auf den Server und unser Kanzleiprogramm gesperrt. Aber das wird er bereuen, das ist völlig rechtswidrig. Mein Anwalt ist schon dran, aber das dauert. Mein Geschäftshandy liegt im Büro. Die einzige Chance ist, meine Klienten über Mail anzuschreiben. Das muss ich möglichst bald machen, denn vermutlich tut er dasselbe und zieht sie zu sich. Dabei ist er schon mit seinen eigenen Fällen nicht fertig geworden. Unter anderem, weil er mit meiner Frau übers Wochenende an den Gardasee gefahren ist und mich den Notfall übernehmen hat lassen – er war angeblich krank. Ich bin so ein Idiot!«, schloss er eindeutig verbittert.
»Niemand rechnet damit, dass jemand so hinterhältig ist«, erwiderte ich spontan. Nun sah er zu mir.
»Du denkst, dass ich das verdient habe? Weil ich dir gegenüber auch so hinterhältig war?«
Ich schwieg einen Augenblick, dann musste ich ehrlich zugeben: »Du hast mich verletzt, warst egoistisch. Aber ich war nur deine Jugendfreundin. Was dein bester Freund und deine Frau da abziehen, ist viel bösartiger und geplant.«
Ich spürte sein Erstaunen und fügte hinzu: »Oder wie lange hattest du damals vorgeplant, mich zu verlassen?«
Er antwortete nicht, ich sah, wie sein Adamsapfel hüpfte, als er schluckte. Was konnte das anderes bedeuten als ein laut schreiendes Schuldeingeständnis?

***

Den restlichen Weg schwiegen wir erneut, diesmal war es sicher ihm unangenehmer als mir.

Am Spätnachmittag tuckerten wir auf den Naturcampingplatz. Ich stellte den Wagen am Parkplatz für Anmelder ab und schwang mich hinaus. Wortlos marschierte ich zum Haus, an zahlreichen Kinderfahrzeugen und Vogelhäuschen vorbei und die Treppe hinauf zur Rezeption. Der Besitzer kannte mich bereits, weil ich diesen Stopp seit Jahren einlegte, und wir unterhielten uns einige Minuten. Er erzählte mir von einem neuen Spazierweg, den er in seinem Naturreservat angelegt hatte. Plötzlich sah er zum Fenster hinaus und sagte: »Da ist gerade ein Mann aus deinem Camper gestiegen.«
Ich trat neben ihn und beobachtete Sam, wie er sich streckte und neugierig umsah.
»Ein Bekannter, der eine Mitfahrgelegenheit brauchte.«
»Dann wünsche ich euch viel Spaß. Du bleibst wieder zwei Nächte, Charlie?«
»Geplant ist es, aber er macht Planungen schwierig – ein Workaholic.«
»Du und mein Campingplatz, ihr bringt ihn schon zum Entschleunigen.«
Ja, das dachte irgendwie wohl jeder von mir. Allerdings lag es einfach nur nicht in meiner Absicht, mich zu hetzen, ob das Sam nun kirre machte oder entschleunigte – dies war nicht mein Problem. In jeder Stadt gab es einen Bahnhof und Taxistände. Ich zwang mich zu einem Lächeln, bezahlte die zwei Nächte und verabschiedete mich. Als ich zu Sam trat, sah mich der kopfschüttelnd an.
»Wo sind wir hier gelandet? In einem Märchenwald für Kinder?«
Ich grinste. »Schau besser nicht zu genau hin, Herr Anwalt, ich habe keine Ahnung, welche der Spielplatzideen eine TÜV-Abnahme bräuchten.«
»Wie machen wir es mit der Abrechnung?«
Ich hielt ihm die Quittung hin. »Du zahlst die eine Nacht, ich die andere.«
»Wir bleiben zwei Nächte hier?« Er klang alles andere als begeistert.
»Droht mir in diesem Fall ein zickiger Anwalt?«
Er seufzte. »Nein, aber was macht man denn hier? Gibt es eine Sauna, Wellness oder vielleicht einen Golfplatz?«
»Für solche Extravaganz hat Hans, der Besitzer, kein Geld. Und ich bin froh, dass ich hier günstig übernachten kann, eben weil es kein großes Angebot gibt. Für Golf stehen außerdem zu viele Bäume herum. Aber du kannst im Nobelhotel nebenan zum Essen gehen.«
»Was gibt es bei dir?«
»Bei … uns … gibt es, was … wir … kochen.«
Seine Augen wurden immer größer.
»Dachtest du, du hast All-Inklusive gebucht?«
»Äh, ich hatte noch keine Zeit darüber nachzudenken.«
»Dann fang damit an! Das hier ist ein Naturcampingplatz. Man geht spazieren, sitzt am Bach und lauscht seinem Plätschern, liest in der Sonne, denkt nach oder auch nicht. Und wenn es dir widerstrebt, gibt es auf der Strecke jederzeit Taxistände und Bahnhöfe. Du bist zu nichts verpflichtet.«
Mit einer knappen Handbewegung forderte ich ihn auf, wieder einzusteigen, aber er stand da und starrte die Gartenzwerge, das Outdoor-Schachbrett und die gefühlt zwanzig Dreiräder an. Ich ignorierte ihn, parkte aus und zuckelte zu meinem Lieblingsstellplatz am Bach. Im Spiegel sah ich, dass er mir folgte, die Hände in den Hosentaschen der Jeans vergraben. Er musste sich nicht beeilen, denn in einem Campingplatz mit vielen Büschen und Bäumen fuhr man besser noch langsamer als in solchen mit geteerten Zufahrten.
Ich holte die Auffahrkeile aus der Heckgarage und blickte ihm geduldig entgegen. Die letzten Meter ging er schneller, weil ihm auffiel, dass ich auf ihn wartete.
»Entschuldige …«
»Kein Problem. Wir entschleunigen, ich kann warten. Wir stehen zu schief, um zu kochen, und auch der Kühlschrank arbeitet dann nicht, deswegen brauchen wir die Keile.«
Ich zeigte ihm anhand einer kleinen Wasserwaage, dass wir vorne rechts circa zwei Stufen Erhöhung brauchten und hinten rechts eine. Dann legte ich die Keile passend an und setzte mich wieder hinters Lenkrad.
»Gib mir bitte Zeichen, wie weit ich fahren muss, um ganz oben auf dem Keil zu bleiben.«
Er hob den Daumen und deutete mir im Spiegel die Entfernung mit den Händen an. Man konnte ihn brauchen, den guten Sam.
Wenige Minuten später hing Wilma am Strom, das Gas war aufgedreht, und Sam stand immer noch am Bach und starrte ins Wasser. Ich holte die Stühle und den kleinen Tisch hervor und stellte ihn neben den reglosen Mann.
»Mach es dir bequem.«
Er sah mich erstaunt an. »Ich erwarte nicht von dir, dass du mich bedienst, Charlie.«
Ruhig erwiderte ich: »Das wirst du auch nicht erleben, mein Freund. Wir wechseln uns ab und sind freundlich und höflich zueinander.«
Wir blickten uns an, während über uns eine Amsel ihr Abendkonzert anstimmte. Als er antwortete, klang seine Stimme heiser.
»Das klingt gut. Was kann ich tun?«
»Mir sagen, ob du zum Essen gehen willst oder ob wir zusammen kochen.«
Ich wies mit der Hand auf die Lichter, die durch die Bäume schienen. »Das Essen dort ist fantastisch, und das Restaurant sehr urig eingerichtet.«
»Willst du? Dann lade ich dich ein.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, es gibt nur 50/50 auf unserer Reise. Ich werde nichts von dir annehmen.«
Er runzelte die Stirn, war aber so klug, es nicht zu hinterfragen. Ich verkniff mir einen weiteren Hinweis, dass ich sparen musste, aber dieser war wohl nicht nötig.
»Also lass uns kochen.«
Bevor ich es verhindern konnte, lächelte ich ihn an.
»Spaghetti Fake-Bolognese oder Reis mit Fake-Gyros?«
Er begann zu lachen und hörte nicht mehr auf.
»Du bist Vegetarierin? Warum wundert mich das nicht? Egal. Hast du einen echten Wein dazu? Sonst kaufe ich morgen mal ein, ob du mittrinkst oder nicht.«
»Wein nehme ich mit oder ohne Prozente. Und ich habe beide Varianten da.«
Beinahe kichernd folgte er mir hinein, bekam sein Glas Wein, ein Brett und ein Messer hinausgereicht, denen sich eine Schüssel mit Wasser und darin schwimmenden Salatzutaten anschloss. Bevor er anfing, Tomaten und Co. in essbare Stücke zu schneiden, sah er mich an.
»Ich hatte das noch nie, Charlie: einen Zwang zum Entschleunigen. Das ist nicht das Gleiche, wie vor Gericht im Gang zu warten, dass der eigene Fall bald an der Reihe ist. Das stresst unglaublich, weil sich alles nach hinten verschiebt. Hier … und jetzt … es verschiebt nichts. Das ist sehr seltsam.«
»Man gewöhnt sich dran und genießt es – oder man wird verrückt und bricht ab. Ich bin schon gespannt, wie es sich auf dich auswirkt.«
Wir lächelten einander an. Ich wünschte es ihm – und vielleicht ein bisschen auch mir – dass er den alten Sam wiederfand. Denn der konnte stundenlang an einem Bach sitzen, mich in den Armen halten und reden. Der hatte sich viel Zeit genommen, mich zu lieben. Wie es wohl mit ihm und Kira gelaufen war? Ich verdrängte den furchtbaren Gedanken.
Keine zwanzig Minuten später saßen wir in den letzten hellen Momenten der Abenddämmerung da. Sam schien die Spaghetti zu genießen, verspeiste sogar zwei Portionen.
»Es geht unglaublich schnell mit Gas«, meinte er begeistert.
»Ja, man muss aber auch anders kochen. Alles ist gleich verbrannt, sobald man nicht aufpasst, und innen trotzdem nicht durch.«
»Wie oft ist dir das schon passiert?«, wollte er lächelnd wissen. Ich lachte.
»Es passiert mir immer noch, wenn ich mich nur einen winzigen Moment ablenken lasse. Aber solange nichts brennt …«
Er musterte mich neugierig und wartete ab. Kaum zu glauben, das hatte er also doch schon gelernt.
»Ein Königreich für deine Gedanken, Charlie«, meinte er leise.
»Du hast gelernt zu warten«, platzte es aus mir hervor, er starrte in sein Weinglas, dann sah er mich an und wirkte dabei etwas verlegen.
»Nur in Ansätzen, beruflich bin ich immer noch sehr ungeduldig. Ich habe dir damals viel Hektik zugemutet, nicht wahr?«
»Zuerst nicht. Erst gegen Ende des Studiums, als du das Praktikum bei diesen Anwälten in Haidhausen hattest. Du wolltest mehr und das schnell. Als wäre das Leben am nächsten Tag zu Ende. Aber das denken heute viele junge Leute. Vor allem die, die sagen, dass sie niemals so alt werden wollen wie ihre Eltern oder Großeltern – wegen der vermuteten Langeweile.« Ich musste lachen, weil mir diese Haltung so fremd war.
»Hast du dich schon einmal gelangweilt, Charlie?«
»Nein, ich verstehe auch nicht, wie das passieren kann. Es gibt doch immer etwas zu tun oder zumindest zu sehen, zu hören, zu spüren, nachzudenken.«
»Und brannte schon mal was im Camper?«, er schmunzelte, hörte aber gleich damit auf, als ich bejahte und dann grinsend abwinkte.
»Es war Ungeschicklichkeit oder zu hohes Tempo. Im Camper macht man am besten alles langsam. Und für den Notfall habe ich seitdem die Löschdecke.«
Drinnen klingelte mein Handy. Ich erhob mich.
»Entschuldige, aber das ist vermutlich meine Omi.«
Er nickte und begann, das Geschirr zusammenzustellen. Ich reichte ihm eine Spülschüssel, Spülmittel und Schwamm, einen Korb und ein Geschirrtuch, weil ich sowieso nicht rechtzeitig gekommen und das Läuten verstummt war.
»Links am Gebäude sind die Spülbecken. Du kannst schon anfangen oder auf mich warten. Ich rufe sie noch schnell zurück.«
Zu meinem Erstaunen lud er alles in den Korb und machte sich auf den Weg zum Haus hinauf.
»Omi Mila, was gibts? Wie geht es dir?«
»Alles in Ordnung, wie kommst du voran?«
»Fast wie immer, ich bin im Eisenbachtal und mache einen Tag Pause.«
Das Schweigen am anderen Ende irritierte mich.
»Das mache ich doch immer, oder ist es diesmal eilig?«
»Nein, natürlich nicht. Was meintest du mit fast?«
»Ich habe einen Mitreisenden aufs Auge gedrückt bekommen. Kannst du dich noch an Sam erinnern?«
»An den Sam, der dir das Herz gebrochen hat?«
Sie hatte ein Elefantengedächtnis, meine Omi. Ich wiegelte etwas ab, so viel wichtigen Raum würde Sam nicht einmal in meiner Vergangenheit erhalten.
»Ja, in meiner frühen Jugend. Er ist mir zufällig über den Weg gelaufen und hat gerade etwas Pech.«
»Hmmm!« Der lang gezogene Laut sprach Bände.
»Du musst dir keine Sorgen machen. Ich hab das im Griff.«
»Ich bete, dass das stimmt. Du brauchst keine Sorgen, Kind, davon hattest du schon genug.«
Einen Augenblick dachte ich an die harten Monate, auf die sie sich bezog und die schon lange hinter mir lagen. Die Panikattacken, die mich dennoch bis heute verfolgten, allerdings nur noch selten. Ich war daran gewachsen, an allem Bösen und Herzlosen. Zumindest war ich meist dieser Ansicht. War ich stabil genug, um es mit Sam aufzunehmen? Gefestigt genug, um mit einer weiteren Abweisung fertig zu werden? Denn die würde kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich vertraute mir, dass ich es nicht so weit kommen ließe.
»Wann bist du in Workum?«, erkundigte sich Omi Mila.
»Ich fahre übermorgen früh durch bis Wakkum und bleibe wieder am Yachthafen, dann radle ich am nächsten Tag zu Tante Liv. Aber ich habe letzte Nacht nicht so viel geschlafen und würde es gerne ruhig angehen. Ohne zu trödeln, natürlich.«
»Hoffentlich wird das heute Nacht besser, vermutlich hält dich der Rachedurst wach«, unkte sie, und ich hörte das Lachen aus ihrer Stimme, als sie hinzufügte: »Du machst das schon, Meisje. Lass dir Zeit und werde nicht zu schnell weich.«
Ich war immer ihr Meisje, ihr Mädchen, gewesen. Sie und ich – das Dream-Team der Verlassenen, die das Beste daraus machten. Trotzdem war es mir weder nach Rachedurst stillen, noch nach weich werden. Ich wollte einfach meinen Frieden haben.
»Ich freue mich, wenn du endlich da bist. Aber schau trotzdem vorher bei deinen Tanten und Onkeln vorbei. Das wäre mir wichtig.«
Irgendwie klang ihre Stimme nachdenklich, doch ich hakte nicht mehr nach, weil ich Sam nicht völlig im Stich lassen wollte. Ich beendete das Gespräch und folgte dem Weg zum Haupthaus, wo er den Kampf ausfocht, wie man auf wenig Platz schmutziges von sauberem Geschirr trennte, das eine spülte, das andere abtrocknete und verstaute. Er sah mich erleichtert an, als ich mich neben ihn stellte.
»Ich weiß, was du denkst: Akademiker und völlig unfähig.«
Ich kicherte, schüttelte aber den Kopf.
»Es gibt leichte Aufgaben im Leben einer Hausfrau oder eines Hausmanns, aber Abspülen beim Campen gehört nicht dazu. Ich mache mich mal wichtig und sage dir, wie ich es hinbekomme, ohne dass der Schwamm im schmutzigen Spülwasser und das saubere Abtrockentuch im Dreck landet.«
Er hörte mir aufmerksam zu, beobachtete und trocknete brav ab.
»Morgen starte ich einen neuen Versuch.«
»Sehr löblich, aber wir können es auch zusammen machen. Oft trifft man beim Abspülen die nettesten Leute zum Ratschen. Und falls es dich zu sehr stresst, kannst du das Abtrocknen auch ins Wohnmobil verlegen und Geschirr und Besteck gleich in die Schränke räumen.«
Wo was hinkam und wie man es möglichst klapperfrei und damit nervenschonend verstaute, erklärte ich ihm danach, ebenfalls kurz das Kochen mit Gas.
»Wenn du willst, geh zuerst duschen. Ich habe Münzen für die Automaten gekauft.«
Ich drückte ihm zwei in die Hand, und er holte seine frische Kleidung aus dem Wagen sowie Handtuch und Duschbad.
»Noch ein Tipp: Such dir eine Duschkabine mit mehr als einem Haken, sonst hast du das gleiche Problem wie beim Abspülen.«
Überrascht hörte ich, wie er sich lachend entfernte. Eigentlich hatte ich mit einem herzhaften Fluch gerechnet.
Als er eine knappe halbe Stunde später zurückkehrte, sparte ich mir die Fragen. Allein die Dauer sagte schon aus, dass er zu kämpfen gehabt hatte. Das pitschnasse Handtuch, das er über die Wäscheleine hängte, die ich zwischen dem Radständer an Wilmas Heck und dem nächsten Baum gespannt hatte, sprach ebenfalls eine deutliche Sprache. Entweder hatte er keinen Haken gefunden, oder das Handtuch nicht ordentlich aufgehängt.
Zehn Minuten später fand mein nur leicht feuchtes Handtuch den Platz neben seinem. Sam saß zurückgelehnt im Liegestuhl direkt am Bach, das Weinglas hielt er am Stiel in beiden Händen und rollte es hin und her. Ich erinnerte mich an seine langen schönen Finger, die mir jedoch mit den Schwielen von seinem Studentenjob besser gefallen hatten.
»Ein Königreich für deine Gedanken, Charlie«, wiederholte er seine Frage von der Fahrt. Sah er mir an, wann ich über ihn nachdachte? Ich sollte dringend an meinem Pokerface arbeiten!
Früher hätte ich mir etwas Unbedenkliches einfallen lassen, aber ich war selbstbewusster geworden.
»Sehe ich aus, als würde ich über dich nachdenken?«
Verwundert blickte er mich an, das Weinglas stoppte in seiner Drehbewegung.
»Du hast über mich nachgedacht? Nein, das hätte ich nicht vermutet.«
»Deine Anwesenheit lässt Erinnerungen zurückkehren.«
»Schlechte Erinnerungen?«
Ich musterte ihn nachdenklich.
»Beides – gute und schlechte, aber das macht nichts. Vielleicht habe ich noch etwas aufzuarbeiten. Du hattest damals Schwielen an den Händen.«
»Und einen Sixpack«, fügte er trocken hinzu.
»Nichts, was sich nicht mit etwas Plackerei zurückholen ließe«, kommentierte ich schmunzelnd. Er nickte.
»Auch etwas, das bei der beruflichen Hetzerei auf der Strecke geblieben ist.«
Ich verkniff mir einen schlauen Ratschlag, Sam hatte längst begriffen, woran es hakte. Und wenn ihm diese Situation nicht zu einer Lebensänderung verhalf, gab es keine Hoffnung – bis ihn vermutlich ein körperlicher Zusammenbruch in zehn Jahren dazu zwingen würde.
»Wie strukturierst du dein Leben?«, wollte er wissen.
Ich schüttelte den Kopf.
»Gar nicht mehr. Ich hatte etwas Pech vor ein paar Jahren. Das hat mir gezeigt, dass ich genießen sollte, was ich habe. Ich arbeite so viel wie nötig und was mir Spaß macht.«
»Und was ist mit einer Rente später?«
»Ich zahle in die Rentenkasse ein, und meine Omi hat für mich eine private Vorsorge angelegt.«
»Warum deine Omi?«
»Weil meine Eltern sich doch nach Australien aufgemacht haben.«
Er sah mich nachdenklich an. »Wann war das?«
Nun war ich erstaunt. »Das weißt du nicht mehr? Das war genau in der Zeit, als wir zusammen beziehungsweise gerade getrennt waren.«
»Ich habe es nicht mitbekommen, es tut mir leid«, sagte er nach einer Weile verlegen. Ein kleiner Brocken Verbitterung löste sich in mir. Er hatte es nicht gewusst. Zumindest konnte ich ihm keine Gefühllosigkeit bezogen auf meine schwierige Situation damals vorwerfen. Andererseits: Wie ich-bezogen war er unterwegs gewesen, dass so etwas nicht über den Freundeskreis oder seine Familie zu ihm gelangt war?
»Lass stecken. Du wolltest etwas anderes als mich. Wärst du aus Mitleid geblieben, hätte es etwas später genauso wehgetan.« Genau so musste ich denken, alles andere würde Wunden aufreißen. Obwohl ich die Vergangenheit lieber hätte ruhen lassen, spürte ich, dass mir das Reden guttat.
Nach einer Pause, in der wir den Geräuschen der Nacht, einem lauten Rascheln im nahegelegenen Busch und dem Schrei eines Käuzchens, lauschten, sagte er:
»Irgendwer hat erzählt, dass du nach Holland gezogen wärst.«
»Ja, meine Omi hat mich aufgenommen, als ich plötzlich allein dastand. Und sie hat mich in die richtige Richtung einer Ausbildung gedrängt.«
»Was für eine Ausbildung?«
»Ich liebe es zu kochen, also bin ich Köchin geworden. Mittlerweile habe ich eine kleine Cateringfirma, was mir erlaubt, mir meine Aufträge auszusuchen, je nachdem was ich vorhabe. Es hält mich gut über Wasser, reich werde ich allerdings nicht, weil ich es quasi in Teilzeit ausübe.«
»Wie lange vorher entscheidest du, was du tun willst?«
Es klang nicht abfällig, nur neugierig.
»Ich plane nicht, bis auf die Catering-Aufträge. Nur der Sommer ist geblockt, um meiner Omi zu helfen.«
»Von Tag zu Tag leben …«, murmelte er und starrte in sein Weinglas.
»Du solltest vor dem Trinken besser genau schauen, ob schon ein paar Fliegen genippt haben und nun im Wein schwimmen«, neckte ich ihn.
»Die mögen Rotwein? Solche Genießer«, er sah zu mir herüber, und ich sah seine Zähne aufblitzen, als er lächelte. Etwas weiter entfernt leuchtete eine uralte Laterne für den Notfall. Hans mochte Lichtverschmutzung in der Nacht genauso wenig wie ich. In seinem Biotop wurden Nachtfalter und Co. nicht von unnatürlicher Helligkeit abgelenkt, und seine Gäste konnten einen spektakulären Sternenhimmel sehen. So etwas gab es in der Stadt nicht.
»Ich habe sonst immer alles geplant. Um Erfolg zu haben, braucht es Struktur und Fleiß.«
»Faul bin ich auch nicht. Und ich bin bereit, dafür mit minderem Verdienst zurechtzukommen. Pläne haben mir auch nichts genützt, das Leben hält Überraschungen bereit, an denen du gar nichts ändern kannst. Nicht einmal, wenn du viel Zeit für deine Frau hast und dich dein Freund nicht betrügt.«
»Welche Überraschung hat es für dich bereitgehalten, Charlie?«
Seine Stimme klang sanft, und erneut träumte ich von früher. Wir hatten uns gut verstanden. Aber vermutlich war es Freundschaft gewesen, und das Plus hatte für ihn nicht gepasst.
»Ich war einige Zeit krankgeschrieben, aber während ich mich wieder aufgerappelt habe, bin ich daran gewachsen, auch wenn viel auf der Strecke geblieben ist. Aber darüber möchte ich nicht reden.«
Ich erhob mich. »Ich hole mir auch ein Glas Wein. Willst du die Fliegen rausschmeißen, dann schenke ich dir nach.«
Er akzeptierte meinen Themenwechsel, hob das Glas vor das schwache Licht der Laterne und goss den Wein wortlos in die Wiese neben seinem Stuhl. Ich nahm sein Glas mit hinein, schenkte uns beiden ein und trat mit zwei Bierdeckeln zu ihm.
Er ergriff das Weinglas mit der Pappabdeckung und bedankte sich. Schweigend saßen wir nebeneinander und hörten erneut, wie das Käuzchen rief, Fledermäuse schossen über uns dahin und reduzierten dabei vermutlich unzählige Weinglasparasiten.
Das Schweigen war angenehm, jeder hing seinen Gedanken nach. Keiner wollte etwas sagen.
Eine halbe Stunde später suchten wir miteinander das Campingplatz-WC auf. Er wartete vor dem Gebäude auf mich. Bald darauf lagen wir in unseren Betten – er ganz hinten, ich ganz vorne. Wir waren beide todmüde, und ich hörte sein leises Schnarchen nach wenigen Minuten, bevor ich selbst einschlief.

 

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