Und was ist mit deiner Krimi-Minnie?

Das fragt mich fast jeder Minnie-Fan, wenn er / sie hört, dass ich eine neue Krimi-Reihe beginne.

Keine Angst: Die ermittelt natürlich in Wasserburg und Umgebung weiter. Bereits im November 2026 wird Teil 11 »Mords-Ausgfuxt« erscheinen. Ohne die Minnie geht es nicht, ich brauche das Schmunzeln beim Schreiben. Außerdem sind mir die Personen sehr ans Herz gewachsen, und die Ideen sprudeln. Wie könnte ich da aufhören?

Aber ich wollte auch etwas Ernsteres schreiben, mit einer anderen Ermittlerin und anderen Orten, so sehr ich Wasserburg liebe. Meine neue Reihe ist nun also ein reiner (stinknormaler) Krimi geworden. Warum du ihn trotzdem unbedingt lesen solltest, erfährst du gleich. 😉

Vorab zum Cover: Die Rosen ebenso wie der Champagner spielen eine wichtige Rolle. Der dramatische Bergblick weist auf die Handlung im Achental hin. Es ist übrigens ein Foto meines Mannes von einer Wanderung auf die Priener Hütte. Wir wollen also auch bei dieser Reihe das Regionale mitaufnehmen. Je nachdem, wo Hannah eben ermittelt. Der Chiemgau lässt da viel Spielraum.

Wandern im Achental bei Schleching – © Monika NeblWandern im Achental bei Schleching – © Monika Nebl

Wandern im Achental bei Schleching

Hannah Krügers kennt der wahre Minnie-Fan schon aus Mords-Fiasko. Sie ermittelt teils aus dem Wohnmobil, daher wollte ich sie reisen lassen. Hannah ist speziell, auch was ihre Beziehungen angeht. Ein komplizierter, manchmal unnahbarer Mensch, der sich harttut, zu vertrauen. Und noch viel schwerer, auf Menschen zuzugehen. Doch ich glaube, dass aus der unsympathischen Parzellennachbarin vom Campingplatz Bella Oliva eine interessante Heldin geworden ist. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, sie textmäßig zu formen.

Diesmal habe ich ausnahmsweise vorher an die Folgen meines Schreibens gedacht und dass ich meine Arbeit besser kanalisieren muss, anstatt sie weiter auszudehnen. Es ist einfach so viel zu tun! Fährt Hannah wegen ihrer Ermittlungen von Land A ins Land B von Ort C zu Dorf D, werde ich mit dem Recherchieren zu den verschiedenen Polizeidienststellen und rechtlichen Voraussetzungen nicht mehr fertig

Wasserburg ist jedoch zu klein für zwei so unterschiedliche Detektivinnen, und ganz ehrlich – nach Wasserburg gehört meine Minnie. Und auch die viel größere Stadt Rosenheim – habe ich wirklich mal in München gelebt? – hat viele schöne Plätze zu bieten.

 Eindrücke aus der Kreisstadt Rosenheim an einem Tag im Juli – © Monika NeblBU Eindrücke aus der Kreisstadt Rosenheim an einem Tag im Juli – © Monika Nebl

 Eindrücke aus der Kreisstadt Rosenheim an einem Tag im Juli – © Monika NeblEindrücke aus der Kreisstadt Rosenheim an einem Tag im Juli – © Monika Nebl

Eindrücke aus der Kreisstadt Rosenheim an einem Tag im Juli

Hannah ermittelt nicht allein. Ich finde Polizeihunde schon seit Kommissar Rex und einem Romantikthriller von Nora Roberts (»Im Schatten der Wälder« – das kann ich sehr empfehlen) faszinierend, und nun hat es endlich mal gepasst.

Aber auch diese Entscheidung für den richtigen Typ Hund war nicht leicht. Ich habe eine ehemalige Diensthundeführerin befragt, die mich gleich auf den Boden der Tatsachen geholt hat.
Vielen Dank, Natalie!

Ein Hund ist entweder Mantrailer, also für die Vermisstensuche zuständig, oder Schutzhund mit Zusatzqualifikation wie Drogen- oder Sprengstoffsuche.

Das Feld Mantrailing finde ich sehr interessant. Und weil Hannah der harte Typ Frau ist, wurde der Hund im Gegensatz ein sympathischer Schönling. Salva ist ein lockiger Lagotto Romagnolo, diese Rasse sucht in Italien Trüffel und bei der Polizei Rosenheim bspw. versteckte Datenträger. (Giorgio’s Leben als IT-Experte: Trüffelhund auf der Suche nach Datenträgern)

Hannah muss als professionelle Privatdetektivin oft beobachten und ausspionieren. Da passt ein respekteinflößender Schäferhund oder Malinois nicht. Und ihr Camper ist ja auch nicht riesig. Da sollte der vierbeinige Partner bequem reinpassen. Also welchen Hund kann man zum Ermitteln mitnehmen, ohne zu sehr aufzufallen und ohne jemandem Angst einzujagen?

Bei den Recherchen Hannahs in Rosenheim und im Achental rund um Grassau und Marquartstein macht sich Salva bereits in seinem ersten Fall sehr nützlich.

Lagotto Romagnolo

BU: Den Lagotto Romagnolo gibt es in vielen Färbungen (Bild © choxyltd pixabay). 

Dann brauchte ich noch Infos, wo man bitte mit einem Hund spazieren geht, wenn man in Rosenheim-Schlossberg wohnt, wie Diensthundeführer Mike, der eigentliche Besitzer von Salva.
Vielen Dank, Micha, ich bin die Wege teils abgegangen – deine Tipps passen perfekt!

 Von Schloßberg aus machen Hannah und Salva schöne Spaziergänge am Inn. – © Monika NeblVon Schloßberg aus machen Hannah und Salva schöne Spaziergänge am Inn. – © Monika Nebl

Von Schloßberg aus machen Hannah und Salva schöne Spaziergänge am Inn.

Da es kein Cosy Crime ist, spielt das private Umfeld nicht so eine große Rolle wie in den Wasserburg-Krimis. Trotzdem ist natürlich Hannahs persönliche und berufliche Vergangenheit ein Thema, denn diese hat sie aus dem Polizeidienst als Kriminalerin in Hamburg nach Rosenheim als selbstständige Privatdetektivin geführt. Die Reihe bedeutete für mich auch Recherche rund um den Beruf Privatdetektivin, der sehr vielseitig ist und viel mit akribischer Nachforschung zu tun hat.

Und weil die Fälle grenznah handeln, ist neben der Landespolizei, der Polizeiinspektion Rosenheim, natürlich auch die Bundespolizei gefragt. Aus meinen Recherchen hat sich übrigens gleich die erste Lesung mit »RosenTod« ergeben: Am 18. Juli darf ich sie am Tag der Offenen Tür bei der Bundespolizei Rosenheim vorstellen.

Tag der Offenen Tür beim Polizeipräsidium Süd / Foto privatHannahs erster Fall erscheint am 10. Juli. »RosenTod« gibt es als E-Book bei Amazon und als Taschenbuch über den Buchhandel oder direkt im eigenen Shop. Das Taschenbuch mit 280 Seiten kostet 13,90€.

Einen zweiten Fall habe ich übrigens schon in Planung, aber vorher gibt es im September eine neue Romance unter meinem Pseudonym Isabelle Maris, die im wunderschönen Holland spielt, von den Küsten bis zu den Windmühlen im Landesinneren. Das Buch heißt „Mehr Liebe als Löcher im Käse“.

Im November kommt dann der 11. Minnie-Krimi raus. »Mords-Ausgfuxt« spielt wieder komplett in Wasserburg und führt dich sogar in einen Escape Room.

Aber jetzt bin ich erst einmal sehr gespannt, ob meine Hannah auch die Minnie-Fans auf ihre Seite ziehen kann oder einen eigenen Fankreis aufbaut, was beides toll wäre. Von meinen lieben Bloggerinnen kamen schon sehr positive Rückmeldungen – vielen herzlichen Dank.

Wenn du dich traust, mein neues Genre auszuprobieren – ganz viel Freude beim Lesen.

Liebe Grüße, deine Moni

Und hier eine kurze Leseprobe aus »RosenTod«:

Downloads:
Datum09.07.2026
Dateigröße 1.76 MB
Download 1

Vorwort

»Ich bin’s, Hannah.«
Der Mann, der sich eben noch mit einem verschlafenen »ja« am Handy gemeldet hatte, war mit einem Schlag hellwach. Er setzte sich auf, sein Herzschlag beschleunigte sich.
»Hannah? Du wolltest dich doch nicht mehr melden.« Er verfluchte sich innerlich, dass er ihren Namen laut ausgesprochen hatte, und warf einen Blick zur Seite, doch seine Frau schlief offensichtlich fest. Seine raue Stimme verriet dezente Verbitterung, die von seiner Gesprächspartnerin mit einem leisen Lachen quittiert wurde. Leicht heiser, voller Spott, wie er es von ihr kannte.
»Ich rufe dich nicht an, weil ich Sehnsucht nach dir habe. Ich habe einen Fall, der soeben zu deinem Fall geworden ist. Ich brauche dein Team hier!«
Der Befehlston ärgerte ihn. Er unterdrückte dieses Gefühl ebenso wie ihre Antwort auf den privaten Anteil ihrer Aussage. Der Polizist in ihm war hellwach und konzentrierte sich auf seinen Job.
»Warum mein Team? Wo bist du? Sind wir überhaupt zuständig?«
»Glaub mir, ihr seid zuständig. Dein Team ist gut, und ich arbeite nicht mit Idioten zusammen, wenn ich es vermeiden kann, du erinnerst dich?«
Kriminalhauptkommissar Daniel Herzog erinnerte sich. Einer der Charakterzüge der Enddreißigerin, der sie bei den Kollegen und Kolleginnen unsympathisch hatte werden lassen, war ihr Perfektionismus, ein zweiter die schonungslose Ehrlichkeit. Eine Sympathieträgerin war Hannah Krügers wirklich nicht, aber – verdammt noch mal – eine der besten Ermittlerinnen, die er je kennengelernt hatte. Intelligent, frech, furchtlos, jedoch ohne jedes Feingefühl für Zwischenmenschliches. Er schwang die Beine aus dem Bett und fuhr sich durch die Haare, die einen Schnitt vertragen konnten. Sobald er mal wieder frei hatte, musste er zu seiner Friseurin. Doch wenn Hannah anrief, bedeutete das nichts Gutes für seine Freizeitplanung geschweige denn für seinen Schlaf. Er seufzte.
»Schieß los!«, sagte er dann knapp und war über die ebenso brüske Antwort nicht erstaunt.
»Ich schick dir ein Bild und die Koordinaten. Der Rettungsdienst ist schon informiert. Sag Ben, er soll mir einen Kaffee mitbringen. Stark und heiß, die Nacht war lang.«
Als hätte ausgerechnet Kriminaloberkommissar Ben Rawitzki Lust, auch nur einen Finger für Hannah zu rühren. Daniels Untergebener hasste die Privatdetektivin geradezu. Er blickte seufzend auf die Uhranzeige auf seinem Handy. 3.25 Uhr! Die Nacht war eigentlich noch lange nicht vorüber.
Sein gesicherter Chat ploppte auf. Als er Hannahs Account anklickte, sah er die Koordinaten und ein Bild, das zu einem großen Teil aus Schwärze und einer entfernt leuchtenden Deckenlampe bestand. Doch inmitten der Dunkelheit war etwas. Er zoomte das Foto größer und erstarrte. Dann wählte er hastig zwei Nummern, schickte nach wenigen Worten das Empfangene weiter und eilte ins Bad. 1
Hannah stand weit entfernt von jeder Straßenlampe im Eingangsbereich eines mehrstöckigen modernen Hauses in Rosenheim-Schloßberg, dennoch erkannte Daniel sie sofort. Er parkte direkt vor den Absperrbändern, winkte seinem Stellvertreter und den Leuten der Spurensicherung kurz zu und machte sich auf den Weg zu der mittelgroßen Blondine in schwarzen Jeans und gefütterter Motorradjacke. Sie trug dicke Handschuhe, eine schwarze Wollmütze und Winterstiefel. In der saukalten Rosenheimer Frühlingsnacht harrte die Privatdetektivin bestimmt nicht erst seit fünf Minuten aus. Doch von Hannah würde keine Klage kommen, sie war hart im Nehmen und Jammern inakzeptabel.
»Guten Morgen, was ist passiert?«
»Einbruch mit Körperverletzung. Die alte Dame wird es hoffentlich überleben, sie hat viel Blut verloren, der Krankenwagen hat sie eben mitgenommen. Der Täter ist flüchtig, deine Kollegen sind hinter ihm her. Mit schlechten Aussichten auf Erfolg würde ich mal sagen.«
Sie war nicht der Typ für freundliche Worte. Knapp, knapper, Hannah! So hatte es damals bereits in Hamburg geheißen, als sie noch aufgeschlossener gewesen war. Doch diese Zeiten waren vorbei, auch wenn er sich nur zu gut an ihr Lächeln erinnern konnte. An das Strahlen der graugrünen Augen, die Grübchen in den Wangen, die seit Langem vermutlich niemand mehr gesehen hatte, ebenso wenig wie die weißen Nichtraucherzähne hinter den seit ihrem Abschied aus Hamburg stets schmal zusammengepressten Lippen.
»Und du bist zufällig hier?«
Sie zog eine Augenbraue hoch. Die Mundwinkel bewegten sich erst, als sie sprach.
»Wie immer!«
Aus den Worten triefte der Spott. Sie fuhr fort, klang augenblicklich wieder kühl. Der Kriminalhauptkommissar mahnte sich, ein dickes Fell überzuziehen, und ignorierte den Ton.
»Mich hat gestern die Tochter des Überfallopfers angerufen. Ihre Mutter hätte Angst, fühle sich beobachtet.«
Hannah hob die schmale Hand mit den kurz gehaltenen Nägeln, um seine nächste Frage zu unterbinden.
»Ja, sie haben es bei der Polizei gemeldet, eine Anzeige wurde nicht aufgenommen, da es keinerlei Beschreibung des Stalkers gab. Die Streife fuhr löblicherweise stündlich vorbei, leider immer auf die Minute zur vollen Stunde. Der Kerl hat um fünf nach drei zugeschlagen.«
»Und wann haben sie dich angerufen?«
»Gestern! Der Beobachter war trotz der Polizeipräsenz für die Frauen spürbar.«
»Jedoch nicht zu sehen, nehme ich an.«
Sie ignorierte die Ironie in seiner Stimme. Sie war nicht der Typ, der an Übersinnliches irgendeiner Art glaubte, aber Intuition respektierte sie.
»Jep. Und ihr Gefühl war richtig. Die Mutter kennt Mike, deswegen bin ich im Spiel.«
»Okay, sie rufen den Polizeioberkommissar Reisenberger privat an und der dann dich. Du bist herbeigeeilt und hast die Wohnung seit wann im Auge behalten?«
»Die Umgebung, nicht die Wohnung! Seit 23 Uhr.«
»Und?«
Nun grinste sie doch.
»Endlich wach geworden, KHK Herzog? Um 23 Uhr kam die Streife vorbei, um 24 Uhr, um 1 Uhr. Um 2.05 Uhr tauchte ein Schatten auf, der um 2.55 Uhr wieder verschwand. Er stand dort drüben im Torbogen zum Parkplatz der Gaststätte. Ich dachte schon, er hätte mich bemerkt, aber um 3.05 Uhr erschien er erneut. Direkt vor der Haustür der Dame. Ich bin rüber, aber er hatte einen Schlüssel. Ich habe bei ihr angerufen, aber sie ging nicht ran. Dann habe ich den Notruf gewählt.«
»Er hatte einen Schlüssel? Kein gewaltsames Eindringen?«
Er kannte sie besser als die meisten Menschen, deswegen spürte er die unterschwellige Wut. Hannah machte sich Vorwürfe.
»Durch die Haustür ist er ohne Gewalt, oben hat sie ihm möglicherweise geöffnet. Aber als ich keine Minute später ins Treppenhaus gekommen bin, habe ich sie schreien gehört. Ich bin hoch, habe sie im Flur gefunden. Er hatte sie niedergestochen.«
»Warum? Was hat er mitgenommen?«
»Keine Ahnung. Ich habe mich um sie gekümmert, bis der Notarzt da war, bis auf den Anruf bei dir. Die Küche ist ein einziges Chaos, aber ich habe nur einen Blick in die Zimmer geworfen, während sie versorgt wurde. Ihre Tochter hat jetzt andere Probleme, als nachzusehen, was gestohlen wurde. Ihr solltet die Wohnung bewachen, falls er zurückkommt. Vermutlich habe ich ihn unterbrochen – keine Ahnung, ob er mitnehmen konnte, was er gesucht hat.«
»Wie ist er an dir vorbeigekommen?«
»Gar nicht. Das Schlafzimmerfenster stand offen, hinten gibt es einen Minibalkon mit direktem Zugang zur Feuerleiter. Ich habe sofort den Notarzt und die Inspektion informiert.«
»Und Mike?«, riet er, obwohl es klar war.
»Logisch, sobald der Notarzt da war. Ich habs verbockt, das muss er wissen.«
»Verbockt würde ich das nicht nennen. Wenn der Täter einen Schlüssel hatte und du nicht … Ich will gar nicht wissen, wie du so schnell ins Treppenhaus gekommen bist.«
»Du weißt es, stell dich nicht dümmer, als du bist«, war ihre lakonische Antwort. Er seufzte innerlich. Einen Mann ohne Selbstbewusstsein würde Hannah in etwas mehr als einem Wimpernschlag in seine Einzelteile zerlegen.
»Okay, wir durchsuchen die Wohnung und forschen nach, wie er an einen Schlüssel gelangt sein könnte.«
»Chef, wo bleibst du? Alle warten auf deine Anweisungen«, eine genervt klingende Stimme drang an ihre Ohren.
Hannah nickte Daniel zu und ignorierte KOK Ben Rawitzki.
»Hey, Krügers, was machen Sie hier?«
»Haben Sie den Kaffee für mich dabei?«
»Wie käme ich dazu?«
Hannah zog mit einem Blick auf Daniel die Augenbrauen hoch und schwieg.
»Hat sie was damit zu tun?«, wandte sich Ben an seinen Vorgesetzten, der abwinkte.
»Sie hat bereits ausgesagt.«
»Ich komme demnächst zum Unterschreiben in die Dienststelle!« Ohne einen Abschiedsgruß entfernte sich die Privatdetektivin von den blinkenden Lichtern, die den gesamten Straßenzug erhellten, und verschwand in der Dunkelheit zwischen den Wohnblocks. Kurz darauf hörte er das Brummen eines Motorrads, das rasch leiser wurde.
Daniel Herzog folgte seinem Untergebenen, dessen roten Kopf man sogar im Halbdunkel erkennen konnte, zur Haustür des Opfers. Dort informierte er die SpuSi, dass der Täter über die Feuerleiter und den Hinterhof entkommen sei.
»Wir sehen uns die Wohnung genauer an, sobald ihr fertig seid. Ich stelle einen Kollegen zur Wache ab, möglicherweise hat der Täter nicht gefunden, weswegen er eingebrochen ist.«
Daniel stieg wieder in seinen Wagen und winkte Ben zu sich, der neben ihm Platz nahm und über Hannahs Aussage in Kenntnis gesetzt wurde. Dann griff der Einsatzleiter zum Funktelefon.
»Hier KHK Herzog. Habt ihr was zum Einbruch mit Körperverletzung in Schloßberg?«
»Wir fahren die Straßen ab, aber bisher keine Spur des Täters. Einfacher wäre es natürlich, wenn wir irgendeine Beschreibung hätten. Aber uns ist kein schwer atmender Mann mit Messer aufgefallen. Und es gibt jede Menge Gärten und kleine Wege – wir haben wenig Chancen, würde ich mal sagen.«
»Sehe ich ähnlich, aber macht trotzdem noch weiter. Die alte Dame ist im Krankenhaus. Ich frag mal nach, wie es ihr geht und ob sie was gesehen hat.«
»Viel Glück!«

***

Hannah Krügers war alles andere als zufrieden mit sich. Sie holte trotzdem Brezen beim Bäcker. Dessen Laden war zwar noch geschlossen, aber Hannah kannte die Hintertür, hinter der sich die Backstube in vollem Betrieb befand. Nach knapp fünf Minuten Fahrt stoppte sie vor einem der wenigen Spitzhäuschen aus den 50er-Jahren, die es in dieser Siedlung noch gab. Weit zahlreicher waren Villen hinter hohen Mauern oder moderne exklusive Reihen- oder Doppelhäuser. Hannah hängte den Helm an die schwarze Suzuki, die sie für Stadtfahrten gerne nutzte – keine Parkplatzsorgen, kein Warten auf irgendeinen Bus. Dann spazierte sie mit dem frisch duftenden und noch warmen Gebäck durch ein uraltes hölzernes Gartentor auf die verwitterte Haustür zu.
»Eine Schande für die ganze Straß«, hatte eine Nachbarin neulich über das Holztor hinweg zu Hannah gesagt. »Können Sie ned ein bisserl einwirken auf den Herrn Kommissar? Sie kennen ihn doch gut.«
Hannah hatte ernst genickt – für sie quasi ein Ausbruch von Höflichkeit – und ihren Ziehvater damit geneckt, der sein Gartentor ebenso wenig verändern würde wie seine Uralt-Küche, den speckigen Fernsehsessel und den Keller, dessen Wand bereits bröckelte.
»Irgendwann erschlägt dich das Haus beim Bierholen«, hatte sie kommentiert.
»Gibt Schlimmeres«, hatte Mike ungerührt gemeint. Dazu gab es nichts zu sagen, sie wussten beide aus langjähriger Diensterfahrung, dass dies die Wahrheit war.
So schlampig sein Vorgarten auch sein mochte, der große Garten nach hinten hinaus war picobello gepflegt. Rosenbeete, akkurat geschnittene Obstbäume, nicht ganz ein englischer Rasen, denn die Wiesenblumen und damit die Bienen bekamen bei Mike eine reelle Chance.
Er öffnete die Tür bereits, bevor sie geläutet hatte. Sicher hatte sein Diensthund Salva Hannah angekündigt. Eigentlich hieß der Lagotto-Romagnolo-Rüde Salvatore, schließlich braucht ein italienischer Polizeidiensthund einen ordentlichen Mafioso-Namen. Salva begrüßte sie fröhlich, dann kehrte der Profi mit der begabten Schnüffelnase in sein Körbchen zurück. Auch wenn er wie ein Pudelmischling aussieht, ist ein Lagotto Romagnolo ein Geruchssinnwunder und begeistert die Italiener bei der Trüffelsuche. Findig, aber nicht so verfressen wie ein Trüffelschwein, genießt er viele Sympathien unter den Sammlern und Köchen.
Mikes hohe Stirn war mit Runzeln übersät, die ihren Ursprung nicht allein in seinem Alter von Ende 50 hatten.
»Es tut mir leid«, begann Hannah, doch er winkte ab.
»Wenn du es hättest verhindern können, hättest du es getan. Was ist passiert?«
Sie wiederholte ihren Bericht an Daniel Herzog. Mikes Runzeln vertieften sich.
»Wir müssen rauskriegen, wie er an den Schlüssel gekommen ist. Rosanna hat mich angerufen, ihre Mutter hat innere Blutungen, es ist unsicher, ob sie es schafft.«
»Shit! Was kann ich tun?«
»Deine Ohren aufsperren, ob die Kollegen was finden. Wir müssen wissen, ob er hinter der Mutter her war oder ob es auch Rosanna und ihren Kleinen betrifft. Kannst du den Täter beschreiben?«
»Breite Schultern und nicht gerade klein. Ein massiver Typ und flink für seine Größe. Sportschuhe, er ist ohne Geräusch gelaufen, dunkel gekleidet, schwarze Mütze. Ich meine, einen Vollbart erkannt zu haben. Aber kein langes Gestrüpp. Was könnten die Damen haben, was er will?«
»Sie haben keine Ahnung. Rosanna hat allerdings Angst vor ihrem Ex. Deine Beschreibung würde auf ihn passen. Ihre Mutter hat ihm ein Kontaktverbot aufs Auge drücken lassen.«
»Betrifft das nur die Tochter oder auch die Mutter?«
Hannah sah Mike an, dass er ihre Gedanken las.
»Du vermutest einen Racheakt an der Mutter?«
»Vermuten ist schon zu viel gesagt. Mir fehlen die Hintergründe, aber es wäre eine Möglichkeit.«
Er nickte mit düsterer Miene.
»Das stimmt.«
»Dagegen spricht, dass quasi alles aus den Küchenschränken geworfen wurde. Falls der Täter der Ex ist, hat er vielleicht die Schlüssel von Haus aus gehabt. Kannst du das rausfinden?«
»Ich hab jetzt gleich Dienst bis morgen. Wie sieht es mit deiner Zeit aus? Kannst du die Damen unterstützen?«
Hannah zögerte keinen Moment.
»Mach ich, falls sie mich überhaupt haben wollen. Immerhin war ich nicht schnell genug, um die Frau vor dem Kerl zu bewahren.«
Der Polizeioberkommissar winkte kopfschüttelnd ab.
»Wie willst du ohne Schlüssel jemanden schnell genug verfolgen, der einen hat und dir die Tür vor der Nase zumacht? Er hat ja offensichtlich keine Zeit verloren.«
»Wie kontaktiere ich die Tochter? Ist sie sicher?«
»Sie wohnt nicht weit von ihrem Café entfernt und hat seit dem Ärger eine Alarmanlage, allerdings eine windige Variante. Sie muss um 11 Uhr bei der Arbeit sein. Das Bella Aurora gehört ihr, sie hat nur eine Angestellte, die den Frühstücksbetrieb übernimmt. Rosanna bleibt dann bis zum Schluss um 17 Uhr.«
»Alleinerziehend und ein gewalttätiger Ex?«
Hannah schnaubte, und Mike sah ihr den Widerwillen an. Im Allgemeinen zeigte sie wenig Regungen, aber ihm gegenüber war sie offener. Er wusste, dass sie sich den Fall zu Herzen nahm. Ein Vorteil, denn Hannah gab niemals auf. Wie Salva sich im Ernstfall auf einen Arm oder ein Bein stürzte, um seinen Partner zu schützen, obwohl er eigentlich kein Schutzhund war, so verbiss sie sich in ihre Fälle, wenn sie interessant waren.
Das tägliche Brot einer Privatdetektivin – Untreue, Betrug, Diebstahl – ernährte sie problemlos: Sie übernahm auch Wachdienste in Kaufhäusern, lehnte aber Aufträge mit zu viel Computerrecherche-Arbeit ab, was gleichbedeutend war mit: Hannah Krügers liebte Action in ihrem Berufsleben.
Sie notierte sich Mikes Info zu Rosanna De Marchi und die Adresse, die praktischerweise nicht allzu weit von ihrer eigenen Wohnung entfernt lag. Sie kannte das kleine italienische Café von außen, war aber eher der Kneipentyp, falls sie überhaupt einkehrte.
»Ein In-Café, oder?«
»Es läuft ganz gut, ist ja auch nicht zu weit vom Krankenhaus entfernt.«
Hannah bewohnte ein WG-Zimmer in einem mehrstöckigen Gebäude, dessen Baustil vom Übergang vom Historismus zum Jugendstil geprägt war und ebenfalls nahe am RoMed-Klinikum lag. Auch wenn Mike ihr nach dem Tod ihrer Eltern nahestand, wollte sie ihre Eigenständigkeit behalten. Nicht zu viel Nähe war ihre Maxime, obwohl ihr das die WG-Kollegen nicht leicht machten, dachte sie amüsiert und frustriert zugleich. Es gab viel zu viele Menschen mit überbordender Empathie und einem Fürsorglichkeits-Gen, dessen Auswirkungen oft aus dem Ruder liefen.
Wurde ihr die Bemutterung zu viel, stieg sie in ihr kompaktes Wohnmobil, das sie mit etwas Glück in der Straße vor dem Block oder ansonsten vor Mikes Haus parken konnte, und fuhr in die Berge.
»Du glaubst also, ich erwische Rosanna ab 11 Uhr im Café?«
»Mit Sicherheit, falls nicht die Angestellte ausnahmsweise länger Dienst schiebt.«
Hannah sparte sich den Hinweis, dass die lebensgefährliche Verletzung der Mutter Grund genug wäre, die Angestellte um eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit zu bitten. Sie würde einfach vorbeischauen, schließlich lag das Café fast um die Ecke.
Die beiden frühstückten gemeinsam, und als sich Mike für den Dienst fertigmachte, war es beinahe 11 Uhr.
»Schreib mir, wenn es was Neues gibt«, bat der Diensthundeführer, und sie nickte schweigend.
Salva begleitete sie und erhielt eine kurze Streicheleinheit am Kopf, bevor Hannah die Haustür hinter sich zuzog.

***

Gemütlich war Hannahs erste Einschätzung, als sie das Café betraf. Nicht mein Ding die zweite. Zu viele Mamis mit Kindern auf dem Schoß und Aperol oder Kaffee vor sich. Sie musterte die Frau hinter der Theke, die etwa 55 Jahre sein mochte. Keine Spur von einer gut dreißigjährigen Rosanna mit einem kleinen Sohn. Sie bestellte einen Cappuccino, ließ sich an dem hintersten Tisch im Eck vor der Küche nieder und zog ihren Laptop aus dem Rucksack.
Sie recherchierte zu dem nun bekannten Namen Rosanna De Marchi und suchte nach einem Ehemann. Im Netz fand sie Infos zum Bella Aurora, ein Foto von der Eröffnung vor vier Jahren, auf dem sich eine hochschwangere junge Frau an einen mittelgroßen, muskulösen Mann lehnte. Beide lächelten in die Kamera, aber Hannah bildete sich ein, in den dunklen Augen von Carmine Carido Arroganz zu entdecken, während Rosannas Strahlen auch ihre helleren Augen erreichte. Hannah starrte den Mann auf dem Bild an. Konnte er der Attentäter von der vergangenen Nacht sein?
»Intuition und Wunschdenken sind nicht das Gleiche! Du willst, dass er es war«, murmelte sie vor sich hin.
»Haben Sie mit mir gesprochen?«, fragte die Angestellte lächelnd, die gerade den Nachbartisch abwischte. Hannah schüttelte den Kopf und zwang sich, das Lächeln zu erwidern. Konnte man nicht einfach jemanden anschauen, ohne die Zähne zeigen zu müssen?
»Nein, aber wenn Sie schon da sind: Wann kommt denn Rosanna heute?«
Das Lächeln fiel in sich zusammen.
»Etwas später als sonst, es gab einen Unfall.«
»Ich weiß, ich war vor Ort und muss sie deshalb sprechen.«
Die Augen der Frau wurden groß.
»Sie haben es gesehen? Wer war es?«
»Dazu kann ich nichts sagen, leider. Wie geht es Rosannas Mutter?«
»Thereses Leben hängt am seidenen Faden, wie es immer heißt. Rosanna will bei ihr bleiben, aber ich muss in einer Stunde weg. Habe Enkelsitting-Dienst.«
Sie lächelte traurig. »Therese ist eine großartige Oma.«
»War der Vater von Rosanna Italiener?«
Hannah hielt nichts davon, mit Small Talk Zeit zu verschwenden, wenn sie stattdessen sinnvolle Auskünfte erhalten konnte.
»Ja, Giuseppe De Marchi, er ist leider früh gestorben. Therese hat Rosanna allein großgezogen.«
»Diese Tradition des Alleinerziehens hat sich fortgesetzt? War Rosanna mit Carmine verheiratet?« Sie hatte durchaus registriert, dass Rosanna ihren Mädchennamen nach wie vor oder wieder trug. Andererseits war es in Italien üblich, dass die Frauen auch nach der Heirat ihren Nachnamen behielten.
»Ja, aber sie hat es wie die Italienerinnen gehalten und seinen Namen Carido nicht angenommen. Und ja, sie zieht ihren Sohn Manuel allein groß. Carmine ist ein …«
Die Frau zögerte, aber der Widerwillen stand ihr ins Gesicht geschrieben, weshalb Hannah grinsend vorschlug:
»Stronzo – Arschloch?«
Die andere nickte seufzend. »Das trifft es ziemlich genau!«
Als ihr Handy klingelte, entschuldigte sie sich und trat in die kleine Küche hinter dem Vorhang, aber Hannah hörte ihre Antworten dennoch.
»Das tut mir so leid, Liebes. Soll ich zusperren und ein Schild an die Tür hängen? … Okay … Nein, so lange kann ich noch warten. Soll ich schon etwas vorbereiten? Die Panini sind fertig, das Gemüse für die Piadina ist geschnitten.«
Hannah sah auf die Uhr. Es war halb zwölf, und das Gespräch ließ sie hungrig werden.
»Ist es für Mittagessen noch zu früh?«, fragte sie, als die Frau zurückkehrte.
»Nein, kein Problem, was möchten Sie?«
»Eine Piadina?«
»Mit rotem Pesto und Paprika, Zucchini und Rucola oder mit grünem Pesto, Tomaten, Salami und Rucola?«
»Die Variante mit der Salami, bitte. Rosanna ist auf dem Weg hierher?«
Die Frau nickte. »Sie will etwa in einer Viertelstunde hier sein.« Nachdem sie sich mit einem kurzen Blick in die Runde überzeugt hatte, dass kein anderer Gast sie benötigte, verschwand sie hinter dem Vorhang zur Küche.
Hannah musterte die Frauen und den einzigen Mann, der zu einer jungen Mutter gehörte, erneut, fand aber nach wie vor nichts Bemerkenswertes. Sie vertiefte sich wieder in die Onlinesuche nach Carido, entdeckte aber nichts Weiteres unter seinem Namen.
Als sie ein paar Minuten später den Blick zur Scheibe hob, fiel ihr sofort ein mittelgroßer, breit gebauter Mann auf, der eindringlich ins Café stierte. Ihn hatte sie eben noch auf einem Bild in einer Online-Zeitung gesehen:
Carmine Carido, der Mann, dem seine Schwiegermutter, die im Krankenhaus um ihr Leben rang, ein Kontaktverbot aufs Auge gedrückt hatte.
In diesem Moment wandte er sich ab und blickte in Richtung Parkplatz. Hannah ahnte, wer dort eben einparkte: seine Ex-Frau, die eben aus der Klinik zurückkehrte, um ihr Café zu übernehmen.
Noch einmal komme ich nicht zu spät! Hannah erhob sich und eilte zur Tür. Als sie hinaustrat, vernahm sie hinter sich ein entrüstetes »Sie haben noch nicht bezahlt, und Ihre Piadina ist fertig«, was sie ignorierte. Denn vor ihr riss der Mann eben die Fahrertür eines grauen Kleinwagens älteren Baujahrs auf und griff nach dem Arm der zierlichen Fahrerin.
Hannah hörte ein entsetztes Aufkeuchen und zögerte nicht. Sie lief die wenigen Meter auf den Mann zu, der etwa 50 Kilo mehr auf die Waage brachte als sie, stieß ihn zur Seite, rammte ihm den Ellbogen in die Rippen und genoss seinen Aufschrei. Dann hebelte sie seinen Arm hinter seinem Rücken hoch.
»Klappe halten und nicht bewegen! Sind Sie okay?«, fragte sie an eine kreidebleiche junge Frau gewandt, die sie ebenfalls von dem Zeitungsbild kannte. Rosanna De Marchi nickte eilig, sprang aus dem Wagen und schloss diesen ab.
»Rufen Sie bitte die Polizei!«
Bei Hannahs Aufforderung wurde der Blick aus sanften braunen Augen ängstlich.
»Tun Sie es, sofort!« Hannah ließ ihr keine Zeit zu überlegen, außerdem forderte sie der Mann, der sich nun zu wehren begann. Die Detektivin zog ihre Waffe unter der Lederjacke heraus, nicht weit genug, dass sie Rosanna De Marchi hätte sehen können. Doch deren Ex-Mann erstarrte, als er die Mündung in seinen Rippen spürte.
»Noch ist sie gesichert, aber ich bin geübt und ziemlich sauer wegen heute Nacht!«, raunte sie Carido ins Ohr, der daraufhin versteinerte.

***

Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bis sie der Streife den Mann übergeben, ihren Waffenschein vorgezeigt und eine Kontaktaufnahme zu KHK Herzog erzwungen hatte. Daniel rief sie allerdings, sobald der offizielle Teil erledigt war, umgehend auf ihrem Handy zurück.
»Festnahme mit Waffengewalt durch eine Privatdetektivin in einem Wohngebiet. Ich weiß gar nicht, was daran am rechtswidrigsten klingt«, meinte er seufzend. Sie verbiss sich ein Grinsen und erwiderte ungerührt: »Such es dir aus. Ich gehe schwer davon aus, das Carmine Carido die alte Dame heute Nacht überfallen hat.«
»Das habe ich verstanden, allerdings fehlt mir noch die ein oder andere Zeugenaussage von dem Überfall.«
Sein kritischer Tonfall war deutlich, sie antwortete unbeeindruckt knapp, ohne jede Entschuldigung.
»Ich bin in einer Stunde da, okay?«
***
Hannah schlenderte zurück ins Lokal, nahm dankend die Piadina entgegen und zahlte ihre Rechnung trotz des heftigen Einwands der Besitzerin.
»Sie haben mir geholfen, wer weiß, was er sonst …«, begann Rosanna.
»Das weiß niemand, aber ich zahle meine Rechnung trotzdem, vielen Dank. Wie geht es Ihrer Mutter?«
»Sie ist eine Kämpferin, das war sie schon immer.«
In Rosannas warmen Augen standen Tränen, und Hannah verstand nur zu gut Mikes Engagement für diese sympathische Frau.
»Hat Ihr Ex-Mann einen Schlüssel zum Haus und zur Wohnung Ihrer Mutter?«
Rosanna keuchte auf. »Sie glauben …«
Hannah zögerte einen Moment und schalt sich dann feige. Ja, sie hatte es verbockt, aber sie musste den Täter fassen, also war das Verschweigen ihrer Rolle in der Nacht wenig hilfreich.
»Die Statur würde passen. Ich habe den Einbrecher heute Nacht gesehen, aber er hatte einen Schlüssel, ich nicht, weswegen ich zu spät kam.«
Nun leuchteten die Augen der jungen Frau.
»Sie sind Hannah? Mikes Hannah?«
Diese nickte stumm. Rosanna griff nach ihrer Hand.
»Ich bin so froh, dass Sie in der Nähe waren. Hätte meine Mutter nur ein paar Minuten länger auf den Notarzt warten müssen, wäre sie bereits gestorben.«
»Ich wäre lieber noch früher da gewesen«, seufzte Hannah und zog die Hand weg, weil Rosanna tröstend darüber strich.
»Das ist nicht Ihre Schuld, Hannah. Wie Sie eben sagten, der Täter hatte einen Schlüssel. O Dio, wenn es Carmine war …«
Das Entsetzen in ihren Augen wuchs, aber es gesellte sich Zorn dazu.
»Einen Schlüssel zur Wohnung hatte er ganz sicher nicht – wir haben das Schloss auswechseln lassen, gleich nach der Trennung. Und wir haben dafür gezahlt, dass das Haustürschloss sowie alle Haustürschlüssel der Bewohner ebenfalls ausgetauscht wurden. Wir wollten, dass er keinesfalls nochmals in unsere Nähe kommen kann. Er war so wütend auf meine Mutter wegen des Kontaktverbots. Wie hätte er ins Haus gelangen können?«
Da gab es zahlreiche Möglichkeiten, angefangen bei der Bestechung des Hausmeisters oder eines Hausbewohners. Doch darüber sollte sich Rosanna De Marchi nicht auch noch Gedanken machen müssen, das würde ihr Hannah abnehmen.
»Wir werden es rausfinden! Sie müssen für Ihre Sicherheit sorgen, Rosanna. Ihre und die Ihres Kindes.«
Rosanna nickte hektisch und begann, etwas zu schnell zu atmen. »Manuel …«
»Ruhig, Rosanna. Wir bekommen das hin, es ist nur eine Sache der Organisation.«
»Aber die Polizei kann nicht ständig Streife fahren.«
»Das ist richtig, doch aktuell ist Ihr Ex hinter Gittern. Wir werden darauf bestehen, dass Ihnen mitgeteilt wird, wenn er entlassen wird. Vielleicht entdeckt die Spurensicherung ja irgendwo Fingerabdrücke. Wann war er das letzte Mal in der Wohnung Ihrer Mutter?«
»Das ist mindestens zwei Jahre her, da hat er uns noch besucht, er wollte seinen Sohn sehen. Mama mochte ihn von Anfang an nicht, aber ich war dumm und habe nicht auf sie gehört.«
Das kommentierte Hannah nicht, sie meinte nur ruhig: »Dann kann man sicher feststellen, ob es alte oder neue Fingerabdrücke von ihm sind, falls sich welche finden.«
»Aber warum sollte er das tun? Wir hatten uns geeinigt, er hat eine Abfindung für seinen Teil des Cafés bekommen, Mama hat einen Kredit dafür aufgenommen. Und nun taucht er nach zwei Jahren wieder auf?«
»Möglicherweise ist seine Beteiligung aufgebraucht. Was arbeitet er?«
»Er jobbt in einem kleinen Spielcasino hinter der Loretowiese.«
Hannah nickte nachdenklich.
»Joes Jokers Bar?«
»Du … Entschuldigung … Sie kennen die Bar?«
Rosanna wirkte verlegen, aber Hannah winkte ab.
»›Du‹ passt für mich. Ich war mal wegen eines Auftrags drin, ist aber schon über ein Jahr her.«
Dieser Auftrag hatte gutes Geld gebracht, erinnerte sie sich mit einem schiefen Grinsen. Die Observierung des untreuen Gatten einer Boutiquebesitzerin aus Bad Aibling war auch nicht so langweilig gewesen wie andere Jobs dieser Art. Der Fall hatte an Spannung zugelegt, als Hannah entdeckt hatte, dass der Mann spielsüchtig und in die Fänge eines unlauteren privaten Buchmachers geraten war, der ihm das Blaue vom Himmel versprochen hatte. Anstatt in ein offizielles Wettbüro für legale Sportwetten zu gehen, auf dem das wachsame Auge der Glücksspielbehörde lag, oder in eines der nobleren Casinos. Diese idiotische Idee bezahlte der Mann neben den Kosten für den Scheidungsanwalt nun mit einer Haftstrafe.
Rosannas Telefon klingelte, Hannah fiel auf, dass sie beim Blick auf die Nummer blass wurde.
»Das Krankenhaus«, sagte Rosanna leise. Ihre Antworten waren knapp: »Ja«, »ich verstehe«, »wie lange?«
Als sie das Gespräch beendete, sah sie Hannahs Interesse. Ihre Stimme zitterte bei der Auskunft.
»Meine Mutter wird ins Koma versetzt, sie hat sehr viel Blut verloren, die Milz war nicht zu retten und wurde entfernt.«
»Also ein vorsichtigeres Leben und Essen demnächst?«
»Ich glaube schon …«
»Aber es sieht nicht zu schwarz aus, oder?«
Rosanna schüttelte den Kopf und atmete tief ein.
»Ich muss Manuel von der Kita abholen, bist du noch einen Moment da, Martina?«, fragte sie ihre Angestellte, die nickte.
»Eine halbe Stunde, Rosanna, es tut mir so leid, aber ich kann nicht länger.«
»Natürlich, das weiß ich doch, vielen Dank für dein Entgegenkommen.«
Hannah betrachtete die beiden Frauen, die ein gutes Arbeitsverhältnis zu haben schienen, dann meinte sie zu der jungen Besitzerin, die eben ihre Tasche umhängte:
»Ich muss noch meine Aussage bei der Polizei machen. Ich werde darauf bestehen, dass du erfährst, wenn sie deinen Ex rauslassen. In dem Fall meldest du dich sofort bei Mike oder mir«, sie überreichte ihre schmucklose Visitenkarte, »und wir sorgen dafür, dass du dich sicher fühlen kannst, okay?«
»Ja, danke, aber ich kann nicht so viel zahlen …«
»Mach dir keine Gedanken, Mike ist ja mit Leib und Seele Polizist und sieht das nicht als Nebenjob, sondern als Gefälligkeit für euch. Und ich bin nicht teuer, wenn es um so einen Fall geht. Das Geld hole ich mir woanders, bei Klienten, die so viel davon haben, dass sie meine Rechnung gar nicht spüren.«

 

Am 10. Juli 2026 ist es so weit: Dann findet ihr »RosenTod« in den Buchhandlungen (ISBN 978-3690289894) und online.

Schreibt mir gerne, wie es euch gefällt. Ich bin sehr gespannt.

Jetzt gratis meine Buchpost abonnieren und mit Glück ein Buch gewinnen!

Wollt ihr Neuigkeiten möglichst schnell erhalten, dann nutzt doch gerne meine Buchpost.
So nehmt ihr auch automatisch an der Quartalsverlosung teil, bei der es jeweils ein Taschenbuch zu gewinnen gibt.
Außerdem gibt es in der Adventszeit pro Woche einen zusätzlichen Buchgewinn für meine Abonnenten.

Weitere Leseproben zu meinen Büchern gibt es auch in vielen Blogeinträgen.
Eure Likes, Kommentare und Weiterempfehlungen über social media machen mir sehr viel Freude.